Das Dresdner Festspielorchester konzertierte in der Elbphilharmonie – ein Reisebericht

Während in Dresden alle über die Eröffnung des umgebauten Kulturpalasts redeten, durfte ich das Dresdner Festspielorchester am 2. und 3. Mai auf sein erstes Gastspiel nach Hamburg begleiten. Für alle Beteiligten ein spannendes Abenteuer. Eine Woche, zwei Säle, ganz viel Musik – und die Frage: Kann man den neuen Saal im Kulturpalast wirklich mit der großen, erhabenen Elbphilharmonie in Hamburg vergleichen?

Ja, man kann! Klar, die Dimensionen sind elbabwärts etwas gigantischer: Dort thront der große Konzertsaal hoch über dem Hamburger Hafen, während sich in Dresden der schmucke Saal geschmeidig in den alten 1960er Jahre Bau am Rande der Wilsdruffer Straße schmiegt.

Berühmter ist Hamburgs Konzerthaus sowieso, enormen Bauverzögerungen und expansiven Mehrkosten sei Dank: 866 Millionen Euro hat der Neubau am rechten Ufer der Nordelbe in der Hansestadt verschlungen, obwohl anfangs nur rund 240 Millionen Euro veranschlagt worden waren. In Dresden dagegen kam man für den Umbau des Kulturpalasts mit knapp 100 Millionen Euro aus – schneller ging es auch: Nach fünf Jahren Umbauzeit feierte die Stadt am 28. April pünktlich Wiedereröffnung im „Kulti“, in Hamburg dauerte es acht Jahre, bevor die Eröffnung der „Elphi“ am 11. Januar 2017 – dafür aber bundesweit – über die Bildschirme flimmerte.

Je fetter die Schlagzeilen, desto größer die Neugier. Alle Konzerte in der Elbphilarmonie sind bis zum Jahresende bis auf den letzten Platz ausverkauft. Ein Glück, wer wie ich ein Orchester zur Hand hat, das Türen öffnet. Doch muss man schon allein beim Anblick von außen sofort eingestehen: Gewaltig ist dieses riesige Konzertgebäude am Hamburger Hafen wirklich, durchaus mit Potenzial, tatsächlich zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt zu gedeihen. Beim ersten Besuch ist man fast erschlagen von der Größe und Höhe des Baus.

Die Bilder von der riesigen Rolltreppe, die neben einem Lift eindrucksvoll ins Innere führt, sind schon durch alle Sozialen Medien gegeistert. Auch der Blick von der Plaza und durch die gebogenen Fensterfronten in den Foyers ist atemberaubend. So kann man den Sonnenuntergang an Hamburgs Hafen nirgends sonst genießen. Einziges Manko: Gespart haben die Hamburger ausgerechnet am Elementarsten, denn nur jeweils zwei Damentoiletten pro Ebene sorgen für lange Schlangen, immerhin mit Aussicht. Ansonsten ist die Pause sinnlos futsch. Wie war das nochmal mit den 866 Millionen?

Der Blick auf die Konzertkarte am ersten Abend zeigt: Die Sitzplätze liegen in der 15. Ebene. Hört sich fast ein bisschen an wie in New York. Überwältigt stolpere ich die breiten Holztreppen nach oben zu meinem Platz im Saal – und vermisse zum ersten Mal ein wenig die Dresdner Gemütlichkeit, die einem im neuen „Kulti“ sofort wohlig empfängt.

Obgleich mit 2100 Plätzen gar nicht sooo viel größer als unser Kulturpalast mit 1750 Sitzen, wird die hanseatische Gigantomanie auch hier sofort spürbar: Enorm hoch wirkt der Saal, die Terrassen des „Weinbergs“ umgeben die Bühne weit aufgefächert. Was fehlt, ist etwas Wärme, die Elphi wirkt bei gedämpftem Licht eher düster. Und der Klang? Der ist wunderbar brillant und federnd, die Akustik scheint – ähnlich wie im Kulturpalast – wie für den Sound des historischen Instrumentariums des Dresdner Festspielorchesters gemacht. Martin Stadtfeld entlockt seinem Flügel samtig schwebende Töne und auch Jan Voglers Cello klingt mit Darmsaiten vollmundig hervor. Insgesamt jedoch ist man in Ebene 15 etwas weiter weg vom Klang als auf den oberen Rängen in Dresden, wo man das Gefühl hat, noch wirklich nah am Orchester zu sein. Der Applaus in Hamburg wirkt in den ersten Sekunden von den Rängen her fast erschlagend, so empfindlich ist die Akustik im Saal. Man gewöhnt sich dran.

Doch nach der Pause ist das alles gar nicht mehr so entscheidend. Die erste Aufregung ist verflogen, die neuen Eindrücke werden langsam vertraut. Im Mittelpunkt steht nun der Genuss eines inspirierenden Abends mit Werken von Schumann, Beethoven und Bach, der schon Vorfreude auf die nächsten Konzerte und Gastspiele mit dem Dresdner Festspielorchester in Dresden und der Berliner Philharmonie weckt.

*Die Autorin dieses Beitrags ist Pressereferentin der Dresdner Musikfestspiele, der Artikel entstand jedoch unabhängig davon als persönlicher Blogbericht.

Ein Gedanke zu „Hanseatischer Gigantismus und Dresdner Gemütlichkeit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.