Regisseur Keith Warner hinterfragt Busonis „Doktor Faust“ an der Semperoper neu

Die Legende vom strebenden Nimmersatt Dr. Faustus wird immer dann besonders interessant, wenn die Welt aus den Fugen gerät. Dann erinnern wir uns an den Dichterfürsten Goethe und den Teufelspakt in seinem berühmten Drama, bemühen Zitate und versuchen, im vermeintlichen Unheil das Gute zu finden. Die Semperoper Dresden serviert mit Ferruccio Busonis Oper „Doktor Faust“ (Fotos: PR/Jochen Quast) in der Inszenierung von Keith Warner nun eine neuerliche Annäherung an den Stoff – und malt dabei fast märchenhaft mystische Bilder zur packenden Musik des Italieners.

Der Regisseur Keith Warner ist den Dresdnern in Sachen „Faust“-Rezeption schon bestens vertraut, inszenierte er doch bereits 2007 Hector Berlioz‘ „Fausts Verdammnis“ und 2010 Charles Gounods „Faust Margarete“ an der Semperoper. Mit Busoni bringt er nun ein Stück nach Dresden zurück, das hier 1925 seine Uraufführung feierte, bis heute aber kaum gespielt wird. Dabei schrieb Busoni es damals auch im Auftrag von Alfred Reucker, dem Generalintendanten der Sächsischen Staatstheater, den er in Zürich kennenlernte. Busoni hat den „Faust“ für sein Stück ganz bewusst von Goethes Vorlage entfernt, ohne diese zu beschädigen. Er stellt ihn als wissenshungrigen, egoistischen Professor dar, dem Mephisto nicht nur Genie und Erfüllung verspricht, sondern auch Befreiung von seinen Widersachern und Gläubigern. Im Sinne des Puppenspiels bringt Busoni die Handlung in zwei Vorspielen, einem Intermezzo und drei Bildern rasch voran, wobei seine Musik fast filmisch fließt, Szenen stimmungsvoll untermalt.

Das erinnert ein wenig an den frühen Strauss – und liegt der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Unter der Leitung von Tomáš Netopil ist hier mächtig was los im Orchestergraben: Da blitzen in der Musik mystische Momente auf, rasende Emotionen sausen durch den Raum, in dem Fausts Getriebenheit zwischen Sehnsucht und Bedrohung schwankt. Ein mächtiger Chor braust wie die Stürme im Wald, dazwischen Kirchturmglocken und Orgeln, die zarte Tupfen von heimeliger Stimmung zaubern. Es wird sofort klar: Netopil hat ein Feeling für das Filmische in der Musik. Und diese Klangbilder greift Keith Warner in seiner Inszenierung auf, lässt das Spiel schon mit einer dämonischen Märchenszene im Säulenwald beginnen, die romantische Düsternis ausstrahlt. Die erste Begegnung von Faust und der schönen Herzogin (übrigens die einzige Frau im Stück) geschieht inmitten einer prachtvollen Hofgesellschaft, während die Studenten in einer modernen Mensa zechen, bevor der Schluss in eine düstere Straße führt.

Das Bühnenbild von Thilo Steffens spielt phantasievoll mit dem Zauber des Theaters – darin spiegeln die kurzen Choreografien von Karl Alfred Schreiner wider, was die Musik nicht zu sagen vermag. Das ist kurz nach dem nüchternen „Othello“ an der Semperoper eine Wohltat! Warner verpackt den schweren Stoff mit dieser sinnlichen Bildsprache in einen fesselnden Abend, ohne dass die Handlung dadurch an Tiefe einbüßt. Getreu dem Puppentheatergedanken Busonis setzt er die Figuren wie Schachsteine in einem vorbestimmten Spiel. Und auch die Sänger haben einiges zu sagen: In der Partie des Faust wandert Lester Lynch durch die Zeiten, der in Dresden als George Wilson in „The Great Gatsby“ erstmals aufhorchen ließ. Mit starker Stimme lässt er die Verzweiflung des Gelehrten aufflammen, der auf dem Höhepunkt seiner Lebenskrise schließlich zum Äußersten greift und via Skype flugs den Teufel heraufbeschwört.

Man kennt diese Teufel der Jetztzeit, die mit bunten Bildern und lauten Worten Befriedigung und eine bessere Welt vorgaukeln. Der Faust‘sche Griff zum Apple-Computer scheint inmitten dieses Märchens daher nur folgerichtig. Mark Le Brocq zeigt Mephistopheles schließlich als facettenreichen Rädelsführer. Mit klirrender Stimme erscheint er, lässt die Puppen tanzen und entlockt seiner Partie immer neue Farben und Schattierungen. Faszinierend beschränkt er sich dabei nicht auf einen Ton, sondern wechselt den stimmlichen Duktus wie seine Gesichter und Kostüme. Er ist es natürlich auch, der Fausts Begegnung mit der schönen Herzogin heraufbeschwört: ein Blick, ein Verhängnis, ein totes Kind. Manuela Uhl steht hier sinnbildlich für das „ewig Weibliche“ im Faust. Atemberaubend singt sie ihre Arie im ersten Bild, steht mit Leidenschaft und Dramatik der Stimme sofort im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Und da ist noch ein Name, der hier unbedingt erwähnt werden sollte: Michael Eder ist ein gewaltiger Wagner, kein zaghafter, schüchterner Gehilfe, der Fausts Position an der Uni bald selbst einnimmt.

So wandelt Faust von einem Trugbild zum nächsten, von Verirrung zu Verirrung. Er wird bildgewaltig per Videoprojektion der Schönheit von Helena ansichtig – fast ein Popart-Moment in der Oper – und unterliegt ihrer Vollkommenheit. Der Schluss allerdings ist dieses Mal anders als vor 92 Jahren noch. Denn Busoni, der sich intensiv mit der „Faust“-Stoff beschäftigt hat, starb noch bevor die Oper fertig war. 1925 kam das Stück daher in der rasch beendeten Fassung seines Schülers Philipp Jarnach auf die Bühne. Später hat der Musikwissenschaftler Antony Beaumont nach dem Studium von Partitur und Skizzenblättern jedoch festgestellt, dass Busoni es wohl anders wollte: Faust soll nicht in es-Moll in den Verdammnis gehen, sondern er wird in C-Dur erlöst, erlöst sich selbst in Freiheit von Gut und Böse – und schenkt seinem Kind das Leben. Ein schönes Ende für dieses packende Opernmärchen. Fast möchte man es den Studenten nachtun, die sich zum Schluss wieder am Bühnenrand ausbreiten und fleißig lesen …

Ferruccio Busoni „Doktor Faust“ an der Semperoper Dresden, wieder am 25. März, 19 Uhr sowie am 20./23. April und am 7. Mai 2017

„Doktor Faust“ im Spiegel der Kritik:

Roland Dippel schreibt für nmz, Mark Berry für seenandheard-international.com, Friedbert Streller für Musik in Dresden, Jens-Daniel Schubert in der Sächsischen Zeitung, Theo Hoflich für klassik.com, …

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