Kafkas „Verwandlung“ am Schauspielhaus Zürich

Als Gregor Samsa eines Morgens in seinem Bett aufwacht, ist nichts mehr wie vorher. Der Sohn ist in ein „ungeheures Ungeziefer“ verwandelt und die Ordnung der ganzen Familie bricht plötzlich auseinander. Die Erzählung von Franz Kafka ist bekannt und gehört längst zum Repertoire aller großen Theater. Am Schauspielhaus in Zürich (Premiere war am 2.12.2016) beschert das Stück nun in der Bühnenadaption des isländischen Regisseurs Gisli Örn Garðarsson und mit Musik von Nick Cave und Warren Ellis einen außergewöhnlich packenden Abend.

Unter dem Titel „Metarmorphosis“ feierte diese Version des Klassikers einst in London ihre Uraufführung und tourte anschließend durch die ganze Welt. Garðarsson hat seine Inszenierung nun für das Züricher Ensemble (Fotos: Toni Suter) adaptiert, spitzt die Erzählung zu und verknappt, ohne dass Kafkas Text dabei zu Schaden kommt. Ganz im Gegenteil! Selten gelingt es Regisseuren, Kafka auf der Bühne so stringent und dynamisch zu erzählen wie hier. Das liegt auch daran, dass Garðarsson die typisch kafkaeske Erzählweise gar nicht erst für die Bühne übersetzt, sondern vielmehr die Beziehungen der einzelnen Familienmitglieder zueinander in den Fokus stellt, um den Bruch, den Gregors „Unpässlichkeit“ urplötzlich heraufbeschwört, dynamisch in Szene zu setzen.

Börkur Jónsson hat dazu ein eindrückliches Bühnenbild geschaffen, das auf zwei Ebenen sehr starke, einprägsame Bilder erzeugt. Unten treffen sich Vater, Mutter und Tochter im spiessig biedermeierlichen Wohnzimmer zum Morgenkaffee, während in Gregors Zimmer im ersten Stock sprichwörtlich die Welt Kopf steht: Das Bett hängt vertikal, der Boden hat sich zur Wand gedreht, die Tapete ist zerrissen. Dazwischen Gregor, der sich nun krabbelnd, tastend fortbewegt. Claudius Körber beweist dabei allerhand Sportlichkeit, hängt mal kopfüber von der Decke und krabbelt behände die Wände entlang. Die Unsicherheit und Hilflosigkeit seiner Situation stellt er nicht nur sprachlich, sondern auch körperlich mitreißend dar. Man hat Sympathie mit diesem Käfer, dem aus der Norm gefallenen Sohn, dessen plötzliche Verwandlung selbst die eigene Schwester mit einem Schrei quittiert, später bittend, er solle sich doch bedecken, wenn sie das Zimmer betritt.

Matthias Neukirch mimt den Vater als grantigen Alten, stur und ohne Fähigkeit zur Empathie. Der Verlust eines Knopfes an der Uniform macht ihn panisch, auf die Wandlung des eigenen Sohnes aber reagiert er mit kalter Resignation, so als wolle er den Käfer am liebsten nicht kennen, für tot erklären. Ohne ein Zeichen der Rührung geht er zur Tagesordnung über, liest die Zeitung, holt das Haushaltsbuch hervor. Hilflos schlägt er später auf Gregor ein, verleugnet ihn.

Die Mutter hingegen schwankt zwischen Ekel und mütterlicher Zuneigung. Diesen Zwiespalt bringt Isabell Menke überzeugend auf die Bühne. Sie zeigt die Mutter als schwache Frau, die sich der von ihrem Mann gehaltenen Ordnung im Haus widerspruchslos fügt. In einem kurzen Moment von Mitgefühl jedoch räumt sie die Sachen ihres Sohnes aus dem Zimmer, denn „er braucht doch Platz zum Kriechen“. Schlussendlich aber überwiegt die herrische Dominanz des Vaters, die schließlich auch auf Georgs Schwester Grete überspringt.

In dieser Rolle zeigt Dagna Litzenberger Vinet die wohl stärkste und schmerzlichste (Ver-)Wandlung im Stück. Ist Grete anfangs noch die einzige, die zu Gregor hält, so nimmt sie doch bald seine Rolle des Ernährers ein und schlägt sich auf die Seite ihres rabiaten Vaters, der den Käfer als Störfaktor betrachtet und ihn am liebsten loswerden möchte. Litzenberger Vinet spielt die Entwicklung Gretes von der ergebenen, mitfühlenden Tochter hin zur kaltschnäuzigen Karrierefrau energisch aus. Für Vater und Tochter kommt die Verwandlung Gregors einem Affront gleich. Er ist ein Fremdkörper im Haus, der nicht ins Bild der guten heilen Welt dieser Familie passt. Der Bruder wird erst zum „Es“ entwürdigt, dann ganz vergessen. Dieser arme Käfer hockt indes halb ausgehungert in seiner verkehrten Dachkammer. Hilflos und ohne Perspektive. Ein berührendes Bild, das sich noch verstärkt, als Grete ihm die Kleidung abstreift, er schließlich halbnackt im Regen unter dem Fenster steht, bevor er tot von der Decke fällt.

Dieses fast psychologische Wechsel-Spiel zieht vom ersten Moment an in seinen Bann, auch weil Garðarsson mehr auf gutes Schauspiel, auf Menschen, statt auf leere Effekte setzt. Die Musik hat hier eher begleitende Funktion, verstärkt Emotionen, überbrückt Zeitsprünge fast wie im Film. Die Inszenierung ist zudem geprägt von starken Momenten und einprägsamen Details. Doch am Ende bleibt es nackte Tragik, die sich zwischen all den Biedermeierregalen, dem liebevoll gedeckten Tisch und dem Dachzimmer immer schwerer auf die Szene legt. Ein kleiner Nebensatz hängt hier bleischwer über der gespielten Idylle, die vermeintliche heile Welt der Familie, sie wird zum Schluss auch optisch durch kitschig bunte Blumen als kühl und oberflächlich entlarvt. Selten rührt Theater so sehr wie an diesem Abend. Noch auf dem Nachhauseweg ist man gebannt von der Verwandlung Gregors und seinem bitteren Ende, von einer Familie, die lieber den schönen Schein bewahrt, statt zur Andersartigkeit eines der Ihren zu stehen.

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