Verdis „Otello“ als Koproduktion mit den Osterfestspielen Salzburg an der Semperoper

Der Sturm braust gewaltig vor der Küste Zyperns. Doch „Otello“, Befehlshaber der venezianischen Kriegsflotte, ist immer Herr der Lage. Er trotzt den Naturgewalten, doch seine Eifersucht bringt den Mohren bald schon vollends aus der Fassung. Liebe, Missgunst und verletzte Eitelkeiten, begünstigt durch das Gefühl, vielleicht nie ganz dazuzugehören – all das sind Emotionen, die in Guiseppe Verdis Oper „Otello“ (Foto: PR/©Forster) die Leidenschaften zum Brodeln bringen und Otello am Ende doch auf tragische Weise in die Knie zwingen.

Eine Oper, die vielleicht nie aktueller war als heute. Man denke nur an Fakenews und die Jagos der Jetztzeit, die oft allgegenwärtig erscheinen. Da scheint es nur folgerichtig, dass das Werk in der Regie von Vincent Boussard als Kooperation mit den Osterfestspielen Salzburg 2016 jetzt die Bühne der Semperoper erobert.

Mit dem Chefdirigenten Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden ist zudem gewiss: Es muss sich hier um einen musikalischen Leckerbissen erster Güte handeln – und das genau das ist der Fall. Thielemann lässt Chor (Jörn Hinnerk Andresen) und Orchester mächtig brausen, entlockt Verdi teils fast wagnerisches Pathos, um schon bald darauf ganz natürlich in herrlich weiche Partien hinein zu gleiten. Er malt Kontraste, bringt die Klangfarben spannungsreich zum Schillern. Und das Ensemble erst! Es sind wirklich außerordentlich starke Stimmen, die die ganze Tragik des Werkes hier hautnah spürbar werden lassen.

Allen voran Andrzej Dobber, der als Jago mit gewaltigem Bariton auch stimmlich siegessicher die Fäden der verhängnisvollen Intrige zieht. Mächtig ist dieser Jago, in seiner Präsenz verkörpert er den Inbegriff des Bösen und lässt keine Sekunde Zweifel daran, dass sein intrigantes Spiel von Erfolg gekrönt sein wird. Stephen Gould kann als Otello dagegen nicht nur Durchsetzungskraft, sondern auch Gefühl zeigen. Wunderbar berührend sind seine Duette mit Desdemona. Dorothea Röschmann lässt ihre Stimme in dieser Partie immer ein wenig durchwoben von bitterer Melancholie schimmern, die in ihrer ausweglosen Lage naturgemäß mitschwingt. Musikalisch ein Hochgenuss.

Die Inszenierung rings um dieses bittersüße Spiel der Stimmen bleibt jedoch fad. Sie bewegt sich irgendwo im Traumreich des Nichts, zwischen mystischen Engelsfiguren (Sofia Pintzou), bunten Farben, videoprojektierten Schattenspielen (Isabel Robson) und brennenden Fackeln. Sinnlich, sicher. Doch nicht packend. Höhepunkt des Bühnenbilds von Vincent Lemaire ist eine fast geräuschlos nach hinten kippende Wand im zweiten Akt. Bis auf das Tuch, das anfangs als Symbol für den Sturm weht und später als verhängnisvolles Requisit Desdemonas wieder auftaucht, bleiben seine Räume aber eindimensional. Die Dynamik des Anfangs weicht so schon bald einer Statik aus wechselnden Farben (Licht: Guido Levi), während die Musik doch immer noch so viel erzählt.

Wie fein hier eine Intrige gesponnen wird, wie Lüge und Ehrlichkeit im Strudel des Misstrauens verschwimmen, das berührt doch immer wieder. Ist das Rad des Misstrauens einmal angeschoben, rollt es unaufhaltsam auf den Abgrund zu – und am Ende legt sich wieder dieser schwere Schatten der Opernmelancholie auf die Szene. Jener Schatten, der einen noch einen Moment zögern lässt, bevor man die Hände zum Applaus hebt. Nein, der „Otello“ in dieser Besetzung verfehlt seine Wirkung nicht. Trotz allem: Bravo!

Verdis „Otello“ an der Semperoper Dresden, wieder am 1.3., 5.3. sowie am 11.5., 13.5. und 23.5.

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