„Fata Morgana“ in der Kirche

Moritzburg Festival begrüßt Erkki-Sven Tüür als diesjährigen Composer-in-Residence

Es muss das Paradies für Musiker sein, beim Moritzburg Festival mitzuspielen: Am Vormittag intensive Proben in einer der schönsten Landschaften um Dresden – am Abend dann lauschige Konzerte vor einem Publikum, das gute Kammermusik zu schätzen weiß. Und auch den Zuhörern offenbaren sich an diesen Abenden immer wieder paradiesische Augenblicke, wie das Konzert am 13. August in der Evangelischen Kirche einmal mehr zeigte.

Das Programm vereinte Bedrich Smetanas Klaviertrio g-Moll op. 15 und Johannes Brahms Streichsextett G-Dur mit der Komposition „Fata Morgana“ von Erkki-Sven Tüür, dem diesjährigen Composer-in-Residence beim Festival. Ein spannender Augenblick, als diese Komposition von Paul Huang (Violine), Pauline Sachse (Viola) und Mirjana Rajic (Klavier) nun mit donnernden Klavierschlägen und fiependen Streicherklängen in der kleinen Kirche eröffnet wurde. Das einsätzige Werk ist von aufrührender Dominanz getragen, unbarmherzig schwillt es immer wieder an und ab, täuscht – eben einer Fata Morgana gleich – etwas vor, das am Ende dann aber doch nicht eingelöst wird. Tüür reizt die Klangspektren der Instrumente bis ins Letzte aus, was durch die feinsinnige Interpretation der Musiker zu einer besonderen Spannung führt. Die drei kommunizieren musikalisch exakt, ohne dass es jedoch geschliffen oder gar künstlich wirkt – und entfalten das 15-minütige Stück ganz im Sinne seines Titels „Fata Morgana“, als faszinierende, aber gleichzeitig auch irritierende Erscheinung.

Farbig auf diese musikalische Entdeckung eingestimmt hatten zuvor Antti Siirala (Klavier), Kai Vogler (Violine) und Narek Hakhnazaryan (Violoncello) mit Smetanas Klaviertrio g-Moll. Sie verliehen dem elegischen Werk, das Smetana einst nach dem Tod seiner kleinen Tochter komponierte, einen durchdringenden Ausdruck. Das Zusammenspiel von Hakhnazaryans lyrischem Cello, Siiralas silbrig schillerndem Klavier und Kai Voglers charaktervoll singender Geige geriet ausgewogen, die drei agierten feinsinnig aufeinander abgestimmt, im Ausdruck geradlinig und dabei immer wieder mit einigen melancholischen Seufzer-Momenten gespickt. Bis zum Finale sorgten sie so für einen packenden Auftakt des Abends, der in fließenden Übergängen zwischen wildem Galopp und lyrisch durchdringender Melancholie changierte.

Diese romantischen Stimmungsbilder wurden mit Brahms Streichsextett G-Dur zum Schluss erneut aufgegriffen – und noch zum schwungvollen Höhepunkt des Abends gesteigert. Mit Paul Huang (Violine), Benjamin Beilmann (Violine), Lawrence Power (Viola), Pauline Sachse (Viola), Li-Wei Qin (Violoncello) und Narek Hakhnazaryan (Violoncello) war hier erneut eine recht große Kammermusikbesetzung in Höchstform zu erleben. Schon im schwungvollen Allegro ließen die Musiker ihre Instrumente in einen lebhaften Dialog gleiten, klar und energisch gespielt wie aus einem Guss. Immer wieder jagten sie mit diesem Brahms kleine, wohlige Wirbelwinde durch den Kirchenraum, stets wohl dosiert und bei aller Energie doch fein abgestimmt. Bis hin zu dem wogend gesanglichen dritten Teil des Werks, der sachte anhob und mit allmählichen Steigerungen raffiniert in seinen Bann zog. Solche Perfektion, die selbst im lebhaften Spiel exakt bleibt, dabei aber nie gekünstelt wirkt, erlebt man in dieser Dichte wohl nur in Moritzburg.

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