Tschaikowskis „Eugen Onegin“ beschließt die Saison an der Semperoper Dresden

Er ist der Macho, der Unnahbare, der sich allen gesellschaftlichen Regeln widersetzt. Ein Mann, der sich in Rebellion flüchtet, unfähig, etwas anderes als sich selbst zu sehen. Am Ende jedoch wird „Eugen Onegin“ (1878) in Piotr Iljitsch Tschaikowskis Lyrischen Szenen nach einem Roman von Alexander Puschkin dann doch noch ganz weich – und kämpft. Er kämpft um Tatjana, eine Frau, die ebenso wie er am Rande einer Gesellschaft steht, in der Gewohnheit als Ersatz für Glück gilt – und er verliert. Was für ein Stoff und was für Musik, die Tschaikowski geschrieben hat, um Angst, Liebe, Sehnsucht und Hass vor der Folie einer öden Epoche ohne Heroen in poetische Klänge zu gießen. Kein Wunder, dass dieses eigentlich unspektakuläre und doch so berührende Werk zu den Schlagern der Operngeschichte zählt. Die Semperoper Dresden (Fotos: PR/Jochen Quast) hätte jedenfalls kein besseres finden können, um die diesjährige Saison zu beschließen.

Nach Anna Netrebko in Wagners „Lohengrin“ und Mozarts „Don Giovanni“ mit Omer Meir Wellber am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden nun also Tschaikowski, auf den ersten Blick ganz ohne Glanz- und Sternchenfaktor. Regisseur Markus Bothe gibt sein Hausdebüt in Dresden, der junge Finne Pietari Inkinen hat die musikalische Leitung inne. Die beiden zeigen das Stück schlicht als das, was es ist: nicht mehr und nicht weniger als die tragische, ewig aktuelle Geschichte von den verpassten Gelegenheiten im Leben, durchwoben von russischer Melancholie.

Eugen Onegin an der Semperoper Dresden

Bothe würzt die Chronologie der Oper mit zeitlichen Überblendungen und Rückschauen, nicht sentimental, sondern eher verträumt – und bringt damit kurz vor der Sommerpause eine über weite Strecken zwar unaufgeregte, zum Schluss jedoch rührend schöne Aufführung auf die Bühne. Ganz ohne Film- oder Videotechnik, dafür mit raffinierten Schiebewänden (Bühnenbild: Robert Schweer) und großen, eindrücklichen Chorszenen überlässt er das Feld vorangig den Sängern und der Musik. Das ist ein Segen bei diesem erstklassigen Ensemble – und der lebendige Beweis dafür, dass gute alte Oper noch immer Wirkung entfaltet, selbst wenn der Beginn dadurch etwas behäbig vorankriecht.

Doch jede Kürzung wäre Frevel an Tschaikowskis herrlichen Melodien, die Pietari Inkinen mit der Kapelle in weichen Bögen farbenreich ausmalt, in der berühmten Briefszene sanft schillernd bis hin zum zünftig volkstümlichen Walzerton auf dem Ball. Der Sächsische Staatsopernchor (Jörn Hinnerk Andresen) macht darin nicht nur optisch, sondern auch klanglich gewaltig Eindruck. Er taucht als Putzgeschwader oder als deftige Dorfgesellschaft auf, in die Onegin zu Beginn unvermittelt hereinplatzt. Christoph Pohl kann das auch stimmlich gut ausmalen, mit glatter, klarer Stimme gibt er den Onegin als arroganten Schnösel aus der Stadt, der in der Strohballenlandschaft mit Traktor sofort als Fremdkörper erscheint. Ausgerechnet mit Tatjana beginnt er ein Gespräch, jenem Mädchen, das die Welt (und die Liebe) nur aus Romanen kennt. Nur wenig später wird er seinen kräftigen Bariton in der Briefszene schon donnernd auf das arme Kind niederprasseln lassen – und später bitter bereuen.

Eugen Onegin Dresdner Semperoper

Camilla Nylund wirkt in der Partie der Tatjana fast schon einen Tick zu souverän. Auch wenn sie fesch im Bücherregal hockt, nimmt man ihr das unschuldig naive Ding nicht wirklich ab. Als sie ihre Gefühle für Onegin in Worte fasst, lässt sie bereits brodelnde Innbrunst lodern. Ganz wunderbar gelingt ihr dann aber die Wandlung zur Dame von Welt im letzten Akt – mit Tränen in den Augen und heimlicher Wehmut in der Stimme. Für Forore sorgt – wie gewohnt – die stimmkräftige Tichina Vaughn in der Partie der Amme Filipjewna, von der man eigentlich gern noch mehr gehört hätte. Der eigentliche Held des Abends ist jedoch Tomislav Muzek als Lenski. Ein klanglicher Genuss, wie er den verträumten Poeten und Freund Onegins mit reichlich Schmelz in der Stimme zelebriert. An seiner Seite tanzt Anke Vondung als lebenslustige Olga nicht minder überzeugend. Fast fragt man sich, warum es für Onegin und Tatjana nicht ebenso einfach sein kann.

Eugen Onegin

So richtig Schwung kommt jedoch erst mit dem großen Ball zu Tatjanas Namenstag in die Geschichte. Im verschneiten russischen Wald fordert Onegin, der eben nicht aus seiner Haut kann, den eifersüchtigen Lenski nach einem Tanz mit Olga zum Duell. Ein bisschen Kitsch darf in der Oper schon sein. Lenski fällt – und ganz wunderbar lässt die Regie anschließend die Geister der Vergangenheit vor Onegins Auge wieder aufleben. Markus Bothe spielt hier dank der Schiebewände mit Illusionen und setzt so zum Schluss noch ein paar kluge Akzente in seiner Inszenierung. Auf diese Weise gelingt es ihm zudem, zeitliche Sprünge in der Handlung elegant zu kaschieren. Bis zum traurigen Schluss, an dem die verpassten Gelegenheiten bleischwer über der nun wieder schlichten Zimmer-Szene zu schweben scheinen – und in der Christoph Pohl seinen größten Auftritt des Abends hat: Onegin hat begriffen, doch er bleibt einsam. Oh, welch bittersüße russische Melancholie!

Tschaikovskys „Eugen Onegin“ an der Semperoper Dresden, wieder am 9. Juli, 19.00 Uhr

Ein Gedanke zu „Der einsame Schnösel aus der Stadt

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