Ein Essay zu den Dresdner Musikfestspielen

Wenn Jan Vogler (Foto: PR/Jim Rakete) am Cello sitzt, dann nimmt er sich gern Zeit – Zeit, um seinem Instrument neue Klangfarben zu entlocken, die richtige Interpretation, den perfekten Ton für ein Stück zu finden. Diese intensiven Übungsstunden sind zudem oft auch jene Zeit, in der er zum Nachdenken kommt, über die Musik und über die Programme für seine Festivals, denen er als Intendant mit immer neuen Ideen Lebendigkeit verleiht. Die Dresdner Musikfestspiele hat Jan Vogler dieses Mal mit dem Motto „Zeit“ überschrieben. „Es ist ein philosophisches Thema, das ich gewählt habe, weil mich das Verhältnis von Musik und Zeit immer schon sehr fasziniert hat“, sagt er. In den 52 Konzerten des Festspieljahrgangs 2016 möchte er vom 5. Mai bis 5. Juni die vielfältigen Beziehungen von Musik und Zeit ausloten, ihnen vielleicht gar neue Aspekte abgewinnen, das Publikum für Zeitlichkeit von Musik sensibilisieren und auf musikalische Zeitreisen entführen.

Start mit minimal music

Überall im Programm der Dresdner Musikfestspiele begegnet man dem facettenreichen Spiel mit der Zeit. Gleich zum Auftakt des Festivals wird dies im Deutschen Hygiene-Museum Dresden ganz intensiv spürbar. Der englische Filmmusik-Komponist Michael Nyman dehnt das Zeitempfinden mit seinen scheinbar unendlich wiederholten Motiven der Minimal Music schier ins Unendliche. Er wird die Dresdner Musikfestspiele zusammen mit seiner Band eröffnen und hat auch eine Uraufführung zu Filmmaterial aus dem Archiv des Hygiene-Museums für die Dresdner im Gepäck. Anschließend können die Besucher beim Wandelkonzert bis zum nächsten Vormittag durch verschiedene Räume und Musikstile wandern, Tango tanzen, den King’s Singers lauschen und sich so richtig nach Herzenslust mit Musik in der Zeit verlieren – schlafend oder wach.

Wie Musik und Zeit sich zueinander verhalten, ist ein Thema, über das sich wohl weit mehr philosophieren lässt als über die eher geografisch orientierten Mottos vorangegangener Spielzeiten. „Musiker sind Magier mit der Zeit – sie können sie im virtuosen Spiel fast stillstehen lassen oder rasant vorantreiben“, erklärt Jan Vogler. Der Interpret bestimmt das Zeitempfinden der Zuhörer während der Aufführung. Und gleichzeitig ist die Musik von Zeit determiniert, denn sie entsteht und lebt ja ausschließlich in dem Moment, wo sie erklingt – ist das Konzert vorbei, ist auch die Musik verstummt. „Sie ist insofern vielleicht die zeitlichste aller Künste“, sagt der Cellist.

Musik als lebendige ZeitzeugIn

Doch da ist noch ein anderer Aspekt, der ihn interessiert: Jedes Musikstück erzählt ja in gewisser Weise auch von der Zeit, in der es entstanden ist. „Es steht entweder im Einklang oder aber im Kontrast zu der Zeit, in der es geschrieben wurde. Beethoven zum Beispiel hat die Ideale der Französischen Revolution in seinen Kompositionen verarbeitet, so wie Bach Luthers Lehren“, erklärt Jan Vogler. Einen musikalischen Aspekt der Zeitgeschichte spiegelt die Residency des Israel Philharmonic Orchestra bei den diesjährigen Musikfestspielen wider. Das Orchester wurde einst von jüdischen Emigranten aus Deutschland gegründet und wird unter der Leitung Omer Meir Wellber mit drei Konzerten den Israelschwerpunkt markieren.

Tatsächlich überdauert Musik die Zeit gerade in ihrer emotionalen Wirkung wohl sehr viel unmittelbarer als es vielleicht die Literatur oder die bildende Kunst könnte. Musik kann Erinnerungen an bestimmte Erlebnisse in uns wachrufen oder lange später den Zeitgeist einer bestimmten Epoche vermitteln, wie zum Beispiel Swing-Musik der 20er Jahre. Es gibt Musikstücke, mit denen wir wachsen, die uns ein Leben lang begleiten – und die, mit denen wir nur bestimmte Lebensphasen verbinden.

Schumann auf Stahl- und Darmsaiten

„Und gleichzeitig scheint die Musik doch auch völlig zeitlos: Viele Werke, die wir heute noch gern hören, haben schon Jahrhunderte überdauert und berühren uns genauso wie die Menschen damals“, sagt Jan Vogler mit einem Lächeln. Auch er spielt bei den diesjährigen Musikfestspielen auf seinem Cello ein bisschen mit der Zeit. Zweimal wird er im Rahmen der vier Festivalwochen als Solist Robert Schumanns Cellokonzert interpretieren. Ein Stück, mit dem er persönlich viele Erinnerungen verbindet, weil es gleich mehrere wichtige Momente seiner musikalischen Karriere markierte – und das er bei den diesjährigen Festspielen nun in einen besonders spannungsvollen zeitlich-interpretatorischen Rahmen fügt. Zusammen mit dem Singapore Symphony Orchestra erklingt das Werk beim Berlinkonzert am 23. Mai zunächst auf Stahlsaiten. Beim Abschlusskonzert mit dem Dresdner Festspielorchester interpretiert Jan Vogler das Stück dann originalgetreu auf Darmsaiten – und begibt sich auf eine Spurensuche nach dem Klangs 19. Jahrhunderts.

Dresdner Musikfestspiele vom 5. Mai bis 5. Juni 2016

*Die Autorin dieses Beitrags ist Pressereferentin der Dresdner Musikfestspiele, der Artikel entstand dennoch (so wie alle auf dieser Seite) unentgeltlich und unabhängig von dieser Aufgabe.

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