David garrett zeigt in der Frauenkirche, dass er auch Klassisch kann

Das hat Dresden noch nicht oft gesehen: Die Bänke der Frauenkirche sind bis in die höchste Empore voll besetzt –  knisternde Stimmung erfüllt das Gotteshaus. Jan Vogler hat für den Einstand des Israel Philharmonic Orchestra als Residenzorchester bei den Dresdner Musikfestspielen für diesen Abend (18.5.) ein exquisites Programm geschnürt. Am Pult steht Omer Meir Wellber, der Mozarts Da-Ponte-Zyklus an der Semperoper bereits mit frischen Ideen neu erweckte. Solist des Abends ist der in der konservativen Klassikwelt umstrittene Stargeiger David Garrett (Foto: PR/Oliver Killig).

Sechs Minuten nach 20 Uhr tritt er in gewohnt lässigem Stil mit T-Shirt unterm Sakko, in Jeans und Stiefeln in den Altarraum, die Stradivari in der Hand. So, wie man ihn auch von seinen Auftritten aus dem Fernsehen kennt. Mit Peter Tschaikowskys berühmten Konzert für Violine und Orchester D-Dur – einem der schwersten der Geigenlitertur – entlockt Garrett seiner Stradivari dann warme, aber dennoch charaktervolle Töne. Beseelt, aber nicht schmalzig ist seine Interpetation und Wellber nimmt das Orchester zunächst gediegen zurück, gibt dem Solisten zwar Rückendeckung, gewährt ihm aber deutlich Freiheiten.

Garrett indes kostet seinen Solopart in allen Facetten aus. Er bleibt sich stets treu, traut sich, auch kantig zu sein – rauscht dabei mit sichtlicher Freude und virtuoser Sicherheit durch alle technischen Finessen dieses Stückes. Mit Omer Meir Wellber hat Jan Vogler offensichtlich den idealen Dirigenten dazu gefunden, Wellber stimmt sein Orchester ganz auf David Garrett ein. Wellber, der mit Mozart bereits bewiesen hat, dass auch er eigensinnig und frech sein kann, betrachtet Tschaikowsky mit einer gewissen Ironie, lässt sich mit einem charmanten Augenzwinkern auf das Stück ein.

Im lebhaften Finale rennen Orchester und Solist schließlich davon und verschmelzen auf lebendige Weise. Tobender Applaus in der Kirche provoziert noch eine kurze, humorvolle Garrett-Zugabe mit Paganini. Hier darf er nun zurück in sein Metier: raus aus dem engen Klassikkorsett, zurück zur Show – und auch damit bleibt sich der Geiger treu. Seine Kritiker in der Stadt dürften nach diesem Tschaikowsky indes ohnehin erst mal schweigen.

Was kann danach eigentlich noch kommen? Viel! Michael Wolpes (*1960) „The Return of the Jackals“ ist sozusagen ein israelisches Mitbringsel des Orchesters, das nun in großer Besetzung gar als Urauffühung in der Frauenkirche erklingt. Es beginnt wunderbar lyrisch und Wellber setzt hier auf große, weiche Melodiebögen, um wenig später zu dem auf Tonband dargebotenen Schakalsgeheul die auch düstere Dramatik des Werks herauszuarbeiten. Flirrende Bedrohung breitet sich da plötzlich aus, teils volkstümlich umschwirrt von Mandoline und Akkordeon. Eine echte Entdeckung ist dieses Stück – und es zeigt einmal mehr, dass der Abend wohl in jeder Hinsicht etwas Besonderes ist.

Abgerundet wird dies zum Schluss erstaunlich stimmig mit Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 6, die Wellber und das Israel Philharmonic Orchestra mit fulminanter Kraft und Zielgenauigkeit interpretieren. Im ersten Satz lassen Sie eine beschwörende Stimmung durch den Raum schweben, bevor es wogt und braust und donnert – abwechselnd leicht und bedrohlich, wie ein herzhaftes Sommergewitter entwickelt Wellber dabei fesselnde Stimmungen. Er spielt mit Dynamik und Tempi, lässt sein Orchester in einer breiten Palette von Klangfarben schwelgen und scheint eine diebische Freude daran zu haben, dieses nachdenkliche, interpretatorisch schwer fassbare Werk mit all seiner Getriebenheit in einen großen Bogen zu gießen.

Ein passender Abschluss für diesen facettenreichen, in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Abend, der gut zeigt, wie Musik Zeiten und Stile verbinden – und Vorurteile vergessen machen kann.

*Die Autorin dieses Beitrags ist Pressereferentin der Dresdner Musikfestspiele, der Artikel entstand dennoch (so wie alle auf dieser Seite) unentgeltlich und unabhängig von dieser Aufgabe.

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