Zauberwald im Delirium

Barbara Beyer Zeigt benjamin Brittens „Sommernachtstraum“ als Woodstock-stück

Die alljährliche Kooperationsarbeit der Hochschulen für Musik (HfM) und Bildende Künste (HfBK) mit dem Staatsschauspiel gehört zu den vielleicht schönsten Traditionen der Kulturstadt Dresden. Von Andreas Baumann, dem langjährigen Leiter der Opernklasse, ins Leben gerufen, vereint dieses Projekt jugendliche Frische und erfahrene Theaterarbeit auf der Bühne. In diesem Jahr hält nun erstmals Baumanns Nachfolgerin Barbara Beyer die Regiefäden in der Hand – und überrascht am Kleinen Haus mit einer unkonventionellen Lesart für Benjamin Brittens Oper „Ein Sommernachtstraum“ (1960).


Beyer verwandelt alles Zauberhafte aus Shakespeares Textvorlage in einen wilden Drogenrausch (Foto: PR/Ronny Waleska). Titania und der eifersüchtige Elfenkönig Oberon wandeln bei ihr nicht durch einen magischen Sagenwald, sondern taumeln Cannabis rauchend durch eine flippige Hippie-WG. Die Inszenierung braucht keine märchenhaften Elfenfiguren, um ein Leben im traumwandlerischen Ausnahmezustand zu zeigen, in dem Liebe und Begehren von einem zum anderen wandern und Eifersucht die Melange der Commune zum Verwirrspiel der Sinne aufschäumt. Puck kommt im Gewand einer mystischen Dealerfigur immer wieder mit berauschendem Nachschub vorbei, auf dass die Party nie enden möge.

Kleider im Woodstock-Stil

Die HfBK-Studentinnen Marie Hartung und Soojin Oh haben zu dieser verrückten Szene in opulentes Bühnenbild entworfen, das ein gemütliches Wohnambiente hinter einem bunten Farbenspielvorhang in diffus vernebeltes Licht taucht. Dahinter wehen die Kleider im Woodstock-Stil, Schlaghosen und Stirnbänder sind die bunten Farbtupfer im dem Delirium anheim gefallenen Zauberwald.

Doch plötzlich wechselt die Szene. Das Licht geht an und düstere Gestalten erheben sich in den Zuschauerreihen. Mit Schlagstöcken laufen sie durch den Saal, trainieren für den großen Überfall. Die Bande von Gangstern grölt, wetteifert, verkleckert Milch – und macht dem Zuschauer mehr Laune als Angst. So wie es eigentlich nur bei Shakespeare möglich scheint, dessen Todestag sich just einen Tag nach der Premiere zum 400. Mal jährt.

Verrücktes Spiel passt gut zur Musik

Wieder zurück zum Zauberwald, in dem es inzwischen turbulent brodelt, denn Demetrius und Lysander haben die Attraktivität Helenas entdeckt, während Theseus und Hippolyta ebenfalls schon leicht berauscht ihre Wohnung betreten. Ein verrücktes Spiel, das – das muss man unumwunden zugeben – Brittens Partitur trefflich widerspiegelt. Seine Musik sucht psychedelisch zirpend den Bruch zur italienischen Oper, ist zwischendrin jedoch auch immer wieder von einer märchenhaften Feenleichtigkeit durchwoben – und scheint bald zu einer flirrenden, fast filmischen Begleitmusik heranzuwallen. All diesen anspielungsvollen KLangfacetten verleiht das Hochschulsinfonieorchester unter der Leitung von Franz Brochhagen nahezu genüssliche Lebendigkeit. Die Sänger indes haben sowohl gesanglich als auch darstellerisch einen dicken Brocken zu bewältigen.

Stets ist Bewegung auf der Bühne, auch wenn das Spiel einem ewigen Rauschtaumel gleicht. Die Partitur ist anspruchsvoll. Gesungen wird auf Deutsch, was hier allerdings leider nicht zum besseren Verständnis beiträgt. Das ist – trotz allem Engagement des jungen, insgesamt starken Ensembles – wohl das große Manko am Premierenabend. Denn wer das Stück nicht kennt oder nicht vorher im Programm gelesen hat, der wird die shakespearehaft verworrene Handlung wohl kaum fassen können – und enttäuscht nach Hause gehen. Ungeachtet dessen bleiben Figuren wie die verführerisch säuselnde Titania von Marie Hänsel oder Carl Thiems etwas tapsig auftrumpfender Oberon-Guru durchaus im Gedächtnis.

Das Dresdner Regiedebüt von Barbara Beyer ist dennoch sehenswert, positioniert sie die studentische Opernproduktion doch genau dort, wo ein solches Nachwuchsprojekt in einer Stadt wie Dresden hingehört: Im kreativen Freiraum junger Kunst, der Qualität zur Maxime erhebt, sich gestalterisch aber erfrischend von den Produktionen der etablierten Häuser abhebt. Gerne mehr davon!

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