Dresdenpoesie trifft Orchesterportraits

Buchmesse Leipzig 2016 – Ein Livebericht

Die Leipziger Buchmesse ist seit 2011 mein kleines Frühlingshighlight. Immer Donnerstag und Freitag stöbere, höre, lese, diskutiere und bummel ich in den Messehallen. Geschrieben habe ich darüber aber bislang wenig, was wohl vor allem daran liegt, dass Leipzig eben bekanntermaßen nicht Dresden ist. Da aber nichts so sehr vom Blick über den Tellerand lebt, wie die Kultur, will ich dieses Mal einen Versuch wagen – und werde in diesem Beitrag Buchmessesplitter im Liveverfahren posten.

Dresden-Poesie in LeipzigZugehört: am Donnerstag, den 17.3.16, 10.20 Uhr
Eine Lesung in Halle 4 bringt mich flugs zurück in die Heimat. Unter dem Titel „Das andere Dresden – Literaturalltag im Elbflorenz“ stellen verschiedene Autoren aus Dresden ihre Beiträge für die Anthologie „Matrix“ vor. Es geht um Bausünden am Postplatz, auch wahrlich poetische Sprachspiele mit der Dresdner Landschaft und das böse P-Wort. Meine Erkenntnis: Autoren wie Michael Bartsch, Patrick Wilden und Mike Scholz zeichnen ein erstaunlich heterogenes Bild von Dresden in ihren Schriften. Nicht alles hat direkt mit der Stadt zu tun, doch ist es in Dresden entstanden und somit auch vom Umfeld der Stadt inspiriert. So wie zum Beispiel die Geschichte „Vision“ von Mike Scholz, die einen harten Blick auf die DDR-Politik wirft. Patrick Wilden fasst sein Dresden, in das ihn einst die Liebe zog, zum Schluss noch mit einem in diesen Zeiten ungewohnt wohltuenden Satz zusammen: „Eigentlich sind wir schon eine ziemlich normale Stadt“, und liest gleich noch ein Gedicht vom Elefanten vor. Eine Anthologie, die sicher einen tieferen Blick lohnt – und auf elbmargarita.de auch noch rezensiert werden wird.
Entdeckerfaktor: hoch!

ARD Forum Buchmesse LeipzigGestolpert: am Donnerstag, den 17.3.2016, 12.00
Eigentlich sollte im ARD-Forum in Halle 3 um 12.00 die Sendung ttt die Nominierten für den Preis der Buchmesse Leipzig vorstellen. Als ich dort ankam, stand allerdings schon eine andere Veranstaltung im Programm. Der WDR stellte hier ein gigantisches, modernes Kulturprojekt vor. Ein Roman von David Foster Wallace auf 1500 Seiten, gelesen für ein Hörspiel mit 100 Minuten Länge und unterlegt mit der Komposition einer gigantischen Kompositionsmaschine, zu sehen in einem Museum in Düsseldorf, die derzeit dort non stop 8000 Stunden Musik produziert. Das interaktive Projekt, das daraus nun entsteht, heißt „unendliches spiel.unendlicher spass“ – und jeder kann mitmachen, indem er am Computer eine Seite dieses Romans selbst für das Hörspiel einliest. Insgesamt 1104 Menschen sollen so für ein ganz besonders Klangbild des auf 1104 Seiten gekürzten Romans (der nicht gerade zur leichten Kost gehört) sorgen. Das bunte Puzzle aus Stimmen wird jeweils unterlegt mit der Gigakomposition der Düsseldorfer Musikmaschine. Die nämlich inspirierte die Macher, Andreas Ammer, Andreas Gerth und Acid Pauli, auch zu dem Projekt, wie sie auf der Buchmesse erzählen. Auch die mehr als 380 Fußnoten des Romans wurden eingesprochen. Zu hören ist das Ergebnis allerdings nur schnipselweise in der Lesezeit von WDR 3 und natürlich im Internet. Wer noch mitlesen will, der sollte sich aber beeilen: Nach nur einer Woche sind bereits mehr als 670 Seiten des Romans eingelesen.
Projekte gibt’s, das glaubt man nicht!

Bamberger SinfonikerGesehen: am Donnerstag, den 17.3.2016, 12.30 Uhr
Kann man Musik mit Text und Bild ausdrücken? Dieser Frage gingen ein Fotograf und eine Texterin (deren Namen leider nicht im Programmheft stehen) für ein Buchprojekt über die Bamberger Sinfoniker nach. Das Ergebnis liegt als informativer Bildband in der Messebuchhandlung vor. Auf der Bühne erklären die beiden nun, wie sie vorgegangen sind und erzählen, was es bedeutet, mit einem so tollen Orchester zwei Jahre lang Seite an Seite zu arbeiten. Vom Großen zum Kleinen haben sie sich vorgearbeitet, haben aufgrund der langen Zeit das Auge auch auf Details und kuriose Geschichten im Orchesteralltag richten können. Den Sinn und Zweck des Buches, und warum sie es genauso konzipiert haben, wie es ist, erklären sie dabei nicht. Der Vortrag wirkt eher improvisiert, spontan – ist dadurch aber auch recht unterhaltsam. So plaudern die beiden bald aus dem Nähkästchen ihres Traumauftrags, erzählen von Gesprächen im Schnellzug durch Asien, von laut plumpsenden Handys in ruhigen Konzertenstellen, von Lücken im Namensgedächtnis, professionell gehaltener Distanz zu den Orchestermitgliedern und kleinen Privatheiten im Geigenkasten. Geschrieben ist das Buch durchaus poetisch und immer mit einem Augenzwinkern. Vielleicht war es ja gar ein Glücksumstand, dass die Autorin zuvor mit Klassik eigentlich gar nicht so viel anzufangen wusste. Ach – und zum Schluss gibt’s natürlich noch einen wichtigen Hinweis: Die Bamberger Sinfoniker feiern dieses Jahr 70. Geburtstag und spielen am Sonntag beim Benefizkonzert des Bundespräsidenten.

Ist es nicht erstaunlich, wie nah Literatur, Musik und Politik manchmal zusammenhängen?

Dresdner Festspielorchester in LeipzigGelauscht: am Donnerstag, den 17.3.2016, 14.00
Ganz ohne die Dresdner Musikfestspiele geht es natürlich auch zur Buchmesse in Leipzig nicht. Das Festival reiste dieses Jahr mit dem Hornquartett des Dresdner Festspielorchesters an, welches 2016 sein fünfjähriges Bestehen feiert. Unter dem Titel „Des Waldhorns Widerhall – Eine musikalische Reise in die Romantik“ beschallen die vier Musiker die Messehalle 4 mit feinster romantischer Hornmusik, während Moderatorin Anne-Kathrin Cendelin den Gästen mit ein paar Programmhappen Appetit auf den Dresdner Frühling macht. Ganz ungezwungen und lebendig – und in diesem Fall ganz ohne Buchvorlage!

Costplayer in LeipzigGestaunt: Donnerstag, 17.3.2016, 16.05 Uhr
Am Nachmittag des ersten Messetages gestatte ich mir noch einen kleinen Einblick in die lebendigste und stimmungsvollste Halle der Leipziger Buchmesse. Halle 1 ist einfach anders. Hier, wo die Costplayer seit ein paar Jahren ihrem bunten Hobby frönen, herrscht Stimmung im Saal, da dringt Musik aus Lautsprecherboxen und es gibt vor allem jede Menge zu sehen! Bücher – oder besser gesagt: die Figuren aus japanischen Mangas – werden hier richtig lebendig, und so wandeln eine Menge kurioser Figuren mit Reifröcken, bunten Haaren und Schwertern durch die Reihen. Was wäre die Buchmesse ohne diese Augenweiden? Die Fülle an Accessoires aus der Managawelt verzaubert selbst jene, die noch nie ein solches Buch in der Hand hielten – und überhaupt ist die Buchmesse in Halle 1 vielleicht am lustigsten, denn wissenschaftliche Ernsthaftigkeit und förmliches Verlagsgetue sind hier fehl am Platz.

Preis der Buchmesse LeipzigApplaudiert: am Donnerstag, den 17.3.2016, 16.25 Uhr
Die Verleihung der Preise der Leipziger Buchmesse zählt alljährlich zu den Höhepunkten, die ich mir nur ungern entgehen lasse. Zur Kaffeezeit füllen sich die Brücken in der großen Halle dabei mit auffällig vielen Menschen, denn alle wollen einen Blick auf die Preisträger werfen. Bei diesem Ereignis tummeln sich Autoren und Journalisten, schon von Weitem hört man den Applaus der Anwesenden durch die Halle schallen. Und das sind die Preisträger anno 2016: Guntram Vesper hat mit seinem Werk „Frohburg“ den Preis in der Kategorie Belletristik gewonnen, Jürgen Goldstein bekam für sein Buch über „Georg Forster“ in der Kategorie Sachbuch Blumen überreicht und Brigitte Döbert für ihre Übersetzung des bis dato als unübersetzbar geltenden Buches „Die Tutoren“ in der Kategorie Übersetzung.

Du magst vielleicht auch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.