Furiose Jagd nach schlummernden Sehnsüchten

„Der Raub der Sabinerinnen“ am Staatsschauspiel Dresden

Auch wenn man es im schnelllebigen Computerzeitalter vielleicht nicht glauben mag: Theater kann doch eine Menge. Die Welt der Illusion, der Verkleidung, des bunten Spiels lässt Sehnsüchte blühen und Träume wenigstens für ein paar Stunden wahr werden. Insofern taugt der Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ (Fotos: PR/David Baltzer) der Brüder Frank und Paul von Schönthan aus dem Jahr 1884 auch bis heute ohne Probleme für einen rundum unterhaltsamen Theaterabend. Susanne Lietzow bringt das Publikum am Großen Haus des Staatsschauspiels Dresden mit ihrer Inszenierung des Stückes nach langer Zeit sogar mal wieder richtig zum Lachen – und beschert am Schluss ein furioses Theaterchaos mit Happy End.

Mittelpunkt der Geschichte – und auch das passt gut nach Dresden – ist eine in ihrem Standard allzu bequem eingerichtete, arg gelangweilte bürgerliche Familie. Zwischen drei Türen in der Wohnstube verstaubt das Klavier, daneben wächst ein Gummibaum zur Decke, die Töchter sind dem Kindesalter längst entwachsen. Die Jüngste Paula (Ines Marie Westernströer), Puschelchen, ist mit der Mutter (Hannelore Koch), Pummelchen, auf Kur. Professor Gollwitz (Torsten Ranft) nutzt die frauenfreie Zeit, um in seinem Ohrensessel ein altes Manuskript zu studieren, das er zu Studienzeiten einmal schrieb: „Der Raub der Sabinerinnen“.

Torsten Ranft brilliert als schrulliger Gollwitz

Torsten Ranft gibt diesen Gollwitz als leicht schrulligen Typen, einer, der zwar alles hat, in dem nach Jahren als Ehemann und Vater jedoch noch immer ein abenteuerlustiges Kind schlummert. Anfangs ist der noch ein bisschen spröde, gefangen in seinem Alltagsgrau. Doch dann entwickelt Ranft den Gollwitz hin zu einem leidenschaftlichen Verfechter der Kunst, in dem alte Leidenschaften brodeln, die es vor der Ehefrau und den Kindern allerdings zu verheimlichen gilt. Er liest er sein Stück dem Dienstmädchen Rosa vor. Eine nicht minder schrullige Dame, die Matthias Luckey mit schwäbischem Akzent und herzlicher Komik zweifellos zur unangefochtenen Lieblingsfigur dieses Abends macht.

"Der Raub der Sabinerinnen" am Staatsschauspiel Dresden

Die bürgerliche Ordnung im Hause Gollwitz wird turbulent aufgewirbelt, als nach dem merkwürdigen Weinhändler Karl Gross (Holger Hübner) auch noch der Theaterdirektor Striese hereinplatzt, ein charmantes Schlitzohr, dem Ahmad Mesgarha große Künstlergesten und ein geschwätziges Verkäufertalent angedeihen lässt. Wasserfallartig schwadroniert er in Gollwitz’ grauem Wohnzimmer und quasselt schließlich so lange, bis dieser ihm sein Manuskript aushändigt, damit Striese es mit seiner Theatergruppe aufführen kann. Als Ehefrau und Tochter aber eher nach Hause kommen, gerät ein Versteckspiel in Gang, das für die Zuschauer durchaus zum Gaudi avanciert.

Lietzow zeigt sicheres Gespür für das Genre

Susanne Lietzow ist den Dresdnern schon von Inszenierungen wie Erich Kästners „Klaus im Schrank“ oder Gerhard Hauptmanns „Die Ratten“ bekannt. Beides Werke, die durch starke Bilder und kluge Lesarten noch lange nach der Premiere im Kopf haften geblieben sind (und viel zu früh vom Spielplan verschwanden). Mit dem Schwank „Der Raub der Sabinerinnen“ beweist sie in Dresden einmal mehr ihr sicheres Gefühl für Genres sowie für eine lebhafte, werkgetreue und zeitgemäße Umsetzung der Stoffe. Für ihre Aufführung des Schwanks hat sie eine stimmige Bühnenfassung nach der Bearbeitung von Curt Goetz geschrieben. Sie erzählt den Schwank rasant und würzt auch Nebenhandlungen mit pfiffigen Akzenten. Optisch lässt Lietzow die Welt der Professoren- und der Künstlerfamilie im Kontrast aus gedeckten Beige- und bunten Neontönen aufeinanderprallen.

"Der Raub der Sabinerinnen" am Staatsschauspiel Dresden

Auch die Bühne von Aurel Lenfert dreht sich scheinbar traumwandlerisch zwischen spießbürgerlicher Wohnzimmeridylle und der kunterbunten Theaterwelt. Im Hintergrund schweben beige Karpfen über die Wandtapete, kaum schwenkt der Blick hinaus in die freie Kunstszene ist der blaue Himmel voller weißer Wolken. Die Kostüme hat Marie Luise Lichtenthal im 80er Stil gehalten. Mit Schulterpolstern, in knalligen Tönen, die Frauen tragen Löwenfrisuren, die Männer Schnauzbart. Dabei ist das Zeitalter für die Handlung eigentlich irrelevant.

„Ein bisschen Frieden und langweilige Musterknaben

Es geht um Sehnsüchte, den Wunsch, dem ewig gleichen Alltagstrott zu entfliehen, anders zu sein, mutig, bunt, abenteuerlich. Und da unterscheidet sich der alte Gollwitz gar nicht von seiner Familie. Die kleine Tochter Paula tanzt bald linkisch in Ballettschuhen übers Wohnzimmerparkett und trällert in ohrenbetäubender Lautstärke „Ein bisschen Frieden“. Die große Tochter Marianne (Laina Schwarz) gesteht ihrem Mann beim spontanen Orgasmus: „Die Vorstellung, dass Du ein Musterknabe warst, hat mir nie gefallen. Das hat so etwas Langweiliges!“ Der Schwiegersohn Dr. Neumeister (Benjamin Pauquet) entflieht mit Gollwitz nach einem inszenierten Familienstreit flugs zur Theaterpremiere. Die Frau Professor und ihre große Tochter lassen sich vom Weinhändler kurzentschlossen ebenso dahin ausführen.

"Der Raub der Sabinerinnen" am Staatsschauspiel Dresden

Der furiose Schluss des Ganzen ist das Zusammentreffen aller im Zuschauersaal. Die Vorstellung geht in die Binsen, Theaterlicht flackert, der Gummibaum fängt Feuer, Rosa läuft zur Bühne, der Professor beschimpft die Strichfassung, es gibt allerlei zu lachen. Großer Tumult, viele Effekte und ganz großes Kino dank leichter Kost am Großen Haus. Das Theater, es taugt eben doch noch immer als Folie aller Sehnsüchte, in diesem Fall auch als Ort bester Unterhaltung – ganz sicher nicht nur für Spießbürger.

„Der Raub der Sabinerinnen“ am Staatsschauspiel Dresden, wieder am 24.2., 29.2., 10.3., 22.3., 28.3.

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