„Othello“ oder: Die Macht der Vorurteile

Die bühne – das Theater der TU Dresden zeigt Shakespeare mit Frauenpower

Der „Othello“ an der bühne – dem Theater der TU Dresden ist kein Mohr und es ist nicht Venedig, wo das Stück hier spielt. Das studentische Theaterensemble im Weberbau (Fotos: PR/Phillip Heinze) nimmt sich die Freiheit, seine eigene derb-traurige Version aus Shakespeares Tragödienklassiker zu kreieren. Hannah Breitenstein spielt den Othello, oder besser Othella, eine clevere Generalin. In der Kampfeskunst macht ihr keiner etwas vor. Doch einen wunden Punkt gibt es für sie: Ihre lesbische Liebe zur schönen Desdemona, die vor allem von deren Vater mit bösen Blicken bedacht wird.

Inszenierung trifft ins Herz einer Gesellschaft voller Vorurteile

Die Inszenierung von Peter Wagner bedient sich verschiedener moderner Übersetzungen des Stoffs. Sie erinnert eher an den rüden Kampf zweier Straßengangs, denn an einen herrschaftlichen Konflikt – und sticht dennoch mitten hinein in die Wunde einer Gesellschaft voller Vorurteile. Dabei weckt das Stück auch Assoziationen an die aktuelle Dresdner Montagswirklichkeit: Andreas Matthus bringt die Spießigkeit von Desdemonas Vater Branbantio prima auf die Bühne. Er ist der Inbegriff des primitiven Wutbürgers, schreit immer wieder energisch „Voodoo“, nimmt eine unnötige Verteidigungshaltung dabei ein.

Othello bühne der TU Dresden

Der Fürst (Yannik Carstensen) indes scheint blind für seine Untertanen, er flüchtet sich lieber fläzend in lustig-lässige Geselligkeit und Witzeleien. Doch am Rande der Gesellschaft brodeln die Intrigen. Denn Jago will Othello hinters Licht führen. Er hat im unsicheren Mitläufer Rodrigo dafür den rechten Kumpan gefunden. Florian Gleissner spielt Rodrigo als schlaksige Type, wie er in Kapuze und Jeans lauernd am Bühnenrand steht und immer wieder nervös am Reißverschluss seiner Jacke nestelt. Einmal rappen die beiden düsteren Gesellen spontan, „weiß gewinnt“ ist ihre Losung.

Selbstsichere Generalin wandelt sich zur rasenden Liebenden

Bis dahin wird jedoch noch viel deklamiert, werden Worte, Meinungen, Zuneigungen auf der Bühne wie Bälle hin- und her geworfen. Nicht fad, aber etwas träge setzt sich die Intrige in Gang. Mario Pannach gibt die Figur des fiesen Wendehalses Jago mit schlitzohriger Raffinesse. Dieser Jago schafft es bald, „Schoko“ Othello an der Liebe und Treue von Desdemona zweifeln – und das Glück kippen zu lassen. Allmählich vollzieht sich die Wandlung von der selbstsicheren Generalin zu einer eifersüchtig rasenden Liebenden. Sie gelingt Hannah Breitenstein so emotional wie aufrührend – und Amelie Bengsch zeigt auf der anderen Seite gefühlvoll zerbrechlich die an dem Unrecht, das ihr geschieht und das sie nicht verstehen kann, leidende Desdemona.

"Othello" an der bühne der TU Dresden

Von diesem Punkt an nimmt die Handlung Fahrt auf. Zum Ende hin schlüpfen die Darsteller merklich tiefer in ihre Rollen und das Intrigengeflecht des Stücks hinein, gehen stärker aus ich heraus, sodass das Spiel bald emotionsgeladener, der Ton grober und die Figurenbegegnungen explosiver ausfallen, während sie langsam auf den traurigen Höhepunkt zusteuern. Sie alle sind von Vorurteilen Getriebene, in einer festgefahrenen Konstellation, in der Liebe in Misstrauen dem anderen gegenüber umschlägt. Das ist eine schlüssige, wenn auch vereinfachte Lesart des Stückes, die das Ensemble mit klarem Aufbau und gut verständlich auf die Bühne bringt, ohne zu verurteilen oder die Moralkeule zu schwingen.

Fakultät Architektur hat das Bühnenbild gestaltet

Zum ersten Mal haben die Studierenden der Fakultät Architektur das Bühnen- und Kostümbild für die Inszenierung der „bühne“ entworfen: Eine schlichte, drehbare Holz-Pergamentkonstruktion, die, erst ins rechte Licht gerückt, Schattenrisse ermöglicht. Das scheint ein bisschen wie der voyeuristische Blick durchs Schlüsselloch. Ist aber in seiner schlichten Wandelbarkeit passend und ausreichend, um auch optisch Abwechslung zu erzeugen. Dem Ziel des TU-Theaters, künftig noch mehr ins Unileben hineinzuragen, Kooperationen mit Fakultäten anzuschieben und so als TU-Ensemble nicht nur bei den Germanisten und Geisteswissenschaftlern wahrgenommen zu werden, sind sie damit ein Stück weit näher gerückt – und auch zur den Spielplänen der großen Theater dürfte die junge Shakespeare-Lesart einen unterhaltsamen Kontrapunkt darstellen. Sehenswert.


Shakespeares „Othello“ an der bühne – das Theater der TU Dresden, wieder am 8., 9. und 10. Januar, 20.15 Uhr

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