Herbstauslese: „Das Weihnachtsmarktwunder“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ gibt es auf elbmargarita.de eine Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Ralf Günthers Strietzelmarktgeschichte „Das Weihnachtsmarktwunder“.

Ein Häuschen im Erzgebirge, zu Beginn des 19. Jahrhunderts: Die Familie des 15-jährigen Martin wartet auf den Handelsagenten, der ihr geschnitztes Holzspielzeug zum Striezelmarkt bringt. Martin ist aufgeregt, das erste Mal darf er den Händler in die Stadt begleiten, aber der Agent bleibt fern und der Vater wird krank. Jeder Tag, der vergeht, besiegelt das Schicksal der Familie: Ein Jahr Arbeit liegt fertig in Kisten und wartet vergeblich auf Kinderaugen. Da fasst Martin einen Entschluss.

Seine Eltern sind schwer zu überzeugen, aber schließlich greifen sie nach der letzten Chance. Martin macht sich allein auf den Weg, lässt Kleinhainichen hinter sich und stapft mit vollbeladenem Schlitten Richtung Stadt. Unterwegs begegnen ihm Ganoven und Ignoranten, die ihm fast den Mut rauben, aber neue Freunde bauen ihn wieder auf. Die detailgetreue Handwerkskunst ist etwas Besonderes in der Warenflut, doch die Bürokratie legt Martin Eisklumpen in den Weg. Zum Glück scheint jeder sein Spielzeug zu lieben – besonders eine unverhoffte Helferin: Das bezaubernde Küchenmädchen Marie …

Eigentlich könnte das Buch „Das Striezelmarktwunder“ heißen, so Dresden-spezifisch ist die liebenswerte Geschichte über die beiden Kinder, die versuchen, sich in der Welt der Erwachsenen zu etablieren. Die Aussicht von der Frauenkirche, die Familie des Grafen und der ominöse „Elefant im Zwinger“ – Ralf Günther, den es erst kürzlich elbabwärts verschlug, schreibt seit Jahrzehnten Dresdner Geschichte(n): Nicht nur „Der Leibarzt“ (2001) Carl Gustav Carus, auch ein „Dieb von Dresden“ (2008) im Grünen Gewölbe und „Die türkische Mätresse“ (2013) Augusts des Starken erwachten in seinen Romanen zum Leben.

„Das Weihnachtsmarktwunder“ lebt nicht nur durch die erzgebirgische Handwerkstradition – vom Reifendrehen bis zur liebevollen Verzierung der Tiere mit echtem Fell – sondern vor allem durch Martins naiv-dörflichen Horizont, der den Leser zu Weihnachten zum staunenden Kind macht. Das ungleiche Pärchen Martin und Marie bringt Authentizität und Herzwärme in die Geschichte; für Probleme finden sie gemeinschaftliche Lösungen und ihre neugierige Annäherung versteckt sich hinter dem Spiel mit den Kinderfiguren. Das hochwertig gestaltete Büchlein eignet sich in Spannungsbogen, Story und Intellekt auch als Vorlesebuch oder zum Zusammenlesen. Die realistischen und detailverliebten Illustrationen von Andrea Offermann setzen dem Holzelefanten noch die Decke auf und unterstreichen Günthers Schreibstil mit einer bildhaften Erzählsprache und einer Poesie, die auch gern ins Traumhafte abgleitet.

„Wenn man auf einen der Hügel klettert, kann man bis auf die andere Seite des Tales schauen, wo die Hänge genauso grün sind. Manchmal sieht man die Bergkuppen in der Reihe dahinter. Wenn ein Wind geht, dann biegt er die Fichten als wären sie Grashalme. Und wenn man die Augen schließt“, Martin schloss die Augen, „dann kann man sie rauschen hören. Sie erzählen sich Geschichten vom Leben in den Bergen. Denn wenn man in die alten Stollen kriecht, kann man glitzernde Steine herausholen – und Märchen!“

Ein bisschen Märchen steckt auch in dem kleinen „Wunder“, das Ralf Günther in die Wohnzimmer holt. Die Lektüre seines Büchleins weckt nicht nur den dringenden Wunsch nach einem geschnitzten Elefanten, sondern auch warme Gefühle an kuscheligen Winterabenden, durchzogen von kuriosen Überraschungen und einer märchenhaften Romantik aus Flockenwirbel und scheuen Blicken.

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