Herbstauslese: „Die Frauen der Rosenvilla“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. In unserer „Herbstauslese“-Serie rezensieren wir ausgewählte Romane und Erzählungen, die in Dresden spielen. Heute: Teresa Simons Unterhaltungsroman „Die Frauen der Rosenvilla“.

Es ist das Pseudonym einer erfolgreichen Vielschreiberin, die für die Recherchen mit dem Regionalautor Frank Goldammer zusammen arbeitete. Doch trotz Schokoladenflut und blütensüßer Genüsse, macht Teresa Simon Fehler, die einem Dresdner schwer im Magen liegen, und traut sich nicht aus dem stilistischen Mittelfeld.

Als könnte Gustav ihre Gedanken lesen, sagte er plötzlich: „Wir kommen jetzt in eine der schönsten Gegenden rund um Dresden – Blasewitz. Einst ein Dorf, inzwischen mehr und mehr von stattlichen Villen bestanden. Sehen Sie, Fräulein Helene? Wer es sich leisten kann, der baut jetzt hier: Fabrikanten, Komponisten, Geheimräte, Professoren – eben die feine Dresdner Gesellschaft!“

Dresden als historische Genussstadt ist einer der Aspekte, die die „Frauen“ in die Rosenvilla zieht. Hauptfigur Anna entdeckt mit einer geheimnisvollen Schatulle im Garten ein Tagebuch und vergessene Schicksale, die sich um die Villa und um ihre Abstammung ranken, und auf unglaubliche Weise miteinander verflechten.

Anna – sinnlich, harmonieliebend, aber bindungsphobisch – eröffnet mit scharfem Geschäftssinn ihre zweite Schokoladenmanufaktur im Szeneviertel Dresden-Neustadt (und nicht in der Altstadt, wie der Klappentext sagt). Ihre einzigartigen Pralinenkreationen, die der Leser im Detail nachschmecken kann, formen neben den Beziehungswirren ihren Lebensinhalt, zusätzlich zu der Villa, die sie vom Großvater erbte und nun mit alten Rosensorten umpflanzt. Ausgestattet mit dem Buch und reichlich schokoladiger Inspiration träumt sie sich in die Vergangenheit von Helene, Charlotte, Emma, ihren Männern, Affären, Freundinnen, Kindern und dem lästigen Tantchen … Die Zwangsheirat mit dem Konservenfabrikanten, der jüdischstämmige Zahnarzt oder eine scheinbar ungerechte Enteignung sind Themen, die der Zeitgeschichte Tribut zollen, aber mit den eigens passenden Figuren und Fakten manchmal konstruiert wirken.

Die historische Recherche ist beeindruckend: Der Alltag im Dritten Reich, das alte Dresden und die DDR werden in wesentlichen Facetten geschildert, selbst wenn sie mit den Charakteren nie ganz zum Leben erwachen. Sonst bemüht sich Simon um Lokalkolorit: Dresden in der Gegenwart und in der Vergangenheit, sein Altes Bad, eine Kunstausstellung auf der Brühlschen Terrasse und den Hintergrund als Genussstadt, die den Luxus für die Oberschicht produzierte, finden ihren Platz ebenso wie das legendäre Elbehochwasser.

Mit der Espressotasse in der Hand ging Anna ins Wohnzimmer und hörte aus dem Radio die neuesten Elbmeldungen. Augustusbrücke: 8,27 Meter. In Radebeul-Weintraube konnten keine Züge mehr verkehren, Keller liefen voll, die Neustadt war über weite Straßenzüge mit Sandsäcken verbarrikadiert, die das Schlimmste abhalten sollten. Der Stadtteil Laubegast war nur noch über die Leubener Straße erreichbar. 170 Feuerwehrmänner aus Hamburg sowie weitere Mannschaften aus Hessen und Sachsen wurden in Dresden begrüßt, um zusätzlich gegen das Hochwassser anzukämpfen.

Trotz seiner stilistischen Schlichtheit und des holprigen Leserhythmus thematisiert der Roman  konträre Gefühle und ist randvoll mit Düften und geschmacklichen Sinneseindrücken. Kleine Verwechslungen muss man der Nicht-Ortskundigen nachsehen: Die Brücken tauschen mal die Namen, Meißen wird zweimal zu Weimar und das Herzzentrum liegt – bewusst oder nicht – jetzt an der Fetzerstraße; dafür findet man den Traum von einem aufgeregterem Leben, das nicht nur Annas Sorgen verdrängt, sondern auch kurzweilige Lektüre für den Strand oder die Bahn bietet – wenn man sich nebenbei Stammbäume skizziert, um die allzu ähnlichen Figuren zu behalten.

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