Oper als animiertes Bilderbuch

„Das Märchen vom Zaren Saltan“ an der Staatsoperette

Den berühmten „Hummelflug“ von Nikolaj Rimskij-Korsakow kennt beinahe jedes Kind. Seine Oper „Das Märchen vom Zaren Saltan“ (Foto: PR/Stephan Floß) allerdings schafft es eher selten auf die Spielpläne. Dabei gilt er in Russland als der Begründer der realistischen Märchenoper mit sozialkritischem Inhalt. Und seine Oper nach dem gleichnamigen Märchen von Alexander Puschkin ist in ihrer Handlung so zauberhaft, dass man sich fragt, warum die Staatsoperette Dresden sie erst jetzt wiederentdeckt.

Libretto gibt wenig Raum für Figurenentwicklung

In der Premiere allerdings zeigt sich alsbald, warum dieses phantasievolle Opernmärchen so lange den Schlaf der Vergessenheit schlummerte: Das Libretto von Wladimir J. Bjelskij ist eher statisch, gibt wenig Raum für echtes Spiel, keine Gelegenheit für eine psychologische Figurenentwicklung. In der Partitur glitzert geradezu höfischer Glanz und Pomp auf, gleich zu Beginn bläst die Trompete eine wuchtige Fanfare. Auch die Arien und Duette sind eher starr, geben den Sängern wenig Raum für eine gefühlvoll spannende Interpretation. Ein bisschen verkopft wirkt diese Musik, überall da, wo sie sich nicht in romantische Phantasiegefilde, wie eben jenen bekannten Hummelflug, flüchten kann.

Staatsoperette setzt auf prächtige Phantasiebilder

Regisseur Arne Böge jedoch inszeniert geschickt, indem er auf sinnliche Bilder setzt, die versteckte Motivik der Musik mit faszinierenden Optiken auf die Bühne holt. In Ausstattung und Bühnenbild (Hendrik Scheel) scheut die Staatsoperette hier weder Mühen noch Kosten, um die verwunschenen Märchenbilder fürs Publikum anschaulich – und die Oper so kurzweilig zu gestalten. Das gelingt prima, wenn etwa das Ballett als Fliegerstaffel des Zaren und in einer wunderbaren Unterwasserwelt über die Bühne tanzt (Choreografie: Radek Stopka), wenn Schwanhilde ihre Schwingen weit ausbreitet oder wenn eine Schar aus Lichtgestalten sich nebeneinander aufreiht. Der Musikanteil ist hoch. Oft ist es allein dem Orchester überlassen, die Bilder klanglich zu untermalen. Andreas Schüller und das Orchester der Staatsoperette Dresden versuchen, dem Milden, Märchenhaften, Fließenden in der Musik Raum zu geben. Dann wird es phantasievoll, dann lädt das Stück zum Träumen ein.

Puppenspieler des Theater Junge Generation grandios

Doch zwischendrin gibt es immer wieder ein paar Längen. Denn so richtig lebendig kann es eben in einer Welt voll märchenhafter Erscheinungen nicht zugehen. Ein Glück, dass sich das Ensemble auf die Puppenspieler des Theaters Junge Generation (Anna Menzel und Patrick Borck) verlassen kann, die anfangs nicht nur dem jungen Prinzen spielerisch Leben einhauchen, sondern auch Schwan und diverse Tierchen animieren. Richard Samek verleiht dem erwachsenen Gwidon wenig später Kraft mit seiner durchdringenden Stimme. Im Duett mit Maria Perlt, die die Partie der verzauberten Prinzessin Schwanhilde schillernd gestaltet, kommt endlich auch Gefühl ins Spiel. Ein bisschen bissig wirkt Silke Richter als Base und Rädelsführerin. Sie ist es schließlich, die das böse Spiel der beiden Schwestern – Gwidons Tanten – anstiftet: Aus Eifersucht auf die dritte Schwester, die Zarin, lassen sie Saltan glauben, diese habe ihm mit Gwidon keinen Heldensohn, sondern ein Ungeheuer geboren.

Geschichte von Eifersucht und Verbannung

Saltan verbannt Frau und Kind daraufhin – erst eine lange Odyssee später stranden beide auf der Insel Bujan, deren Fürst Gwidon bald werden soll. Die Schwanenfigur steht ihm mit Rat und Hilfe zur Seite, erst langsam erkennt er, dass sich im Schwan auch die Frau seines Lebens – und die Chance auf Versöhnung der Eltern verbirgt. Ingeborg Schöpf gehört als gereifte Zarin zu den großen Stimmen dieses Abends, ebenso wie Tilmann Rönnebeck von der Staatsoper, der hier den Zaren gibt. Für den berühmten Hummelflug erntet auch das Orchester einmal Szenenapplaus. Doch letztlich bleibt der Eindruck, als schaue und lausche man in dieser Oper einem riesigen animierten Bilderbuch, das ist bunt und phantasievoll gestaltet, aber eben nicht so richtig lebendig. Es ist schön und faszinierend, doch dabei kaum berührend. Insofern vielleicht doch ein bisschen zu wenig für ganz große Oper.

„Das Märchen vom Zaren Saltan“ an der Staatsoperette Dresden, wieder am 2. und 3.12., 19.30 Uhr sowie am 23. und 24. Januar 2016

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