Frei für die Kultur

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In eigener Sache: Blogparade #darumfrei

Das Onlinemagazin www.elbmargarita.de ist ein Blog über Dresdner Kultur – doch das hier ist eigentlich kein richtiger Kulturbeitrag. Thema dieses Textes ist ausnahmsweise nicht die Dresdner Theaterlandschaft, kein Konzertabend und auch kein interessanter Künstler. Trotzdem muss dieser (immerhin ein bisschen feuilletonistisch angehauchte und damit auch kulturelle) Beitrag geschrieben werden, denn er beschäftigt sich nicht nur mit einem Thema, das mir auf der Seele liegt, sondern vor allem mit jenen, die täglich über Kultur schreiben: mit uns Journalisten.

Die rufen derzeit gern die große Krise aus: Zeitungen sterben, kaum noch jemand wird fest angestellt, freie Journalisten klagen über Dumpinghonorare. Die Medienwelt steht Kopf im digitalen Wandel – die Folge sind oft verzweifelt anmutende Experimente, weniger Geld für mehr Inhalte, blinder Aktionismus, ohne Konzept. Keine guten Zeiten für journalistische Qualität. Wer das anders machen will, sich journalistische Ideale erhalten möchte, der muss in erster Linie erst mal raus dem Räderwerk der Verlage und Medienunternehmen, raus aus der fiesen Spirale, die immer öfter mehr Reichweite mit höherer Qualität verwechselt. Wer sich selbst ein bisschen treu bleiben möchte, der sollte lieber „frei“ sein – und das meint hier nicht nur selbstständig, sondern in dieser Form auch finanziell unabhängig vom Journalismus.

Ich bin freie Kulturjournalistin, Bloggerin, Texterin, Lektorin, habe mein eigenes Text-Büro Text-Weise gegründet und gebe hin und wieder an Dresdens Kunsthochschulen Kurse über Pressearbeit. Als ich 2010 diesen Blog gegründet habe, schrieb ich gerade fleißig an meiner Magisterarbeit. Der sogenannte Medienwandel war da schon in vollem Gange, die meisten Verlage wollten das aber nicht so richtig wahr haben. Sie haben es verdrängt. Noch gab es genug Abonnenten. Doch die Anzeichen zeigten sich deutlich. Der Grund für den Blog war: Ich wollte nach mehr als fünf Jahren freier Mitarbeit für Tageszeitungen und Magazine in Dresden mein eigenes journalistisches Projekt haben. Ich wollte frei sein: frei für eigene Themensetzungen, frei, neue Schreibstile zu erfinden und frei von Vorgaben, Zeitdruck, fixen Verlagsideen.

Raum, sich in Verlagen auszuprobieren, gab es damals schon nicht mehr. Das Volontariat war längst zum profanen Mittel für billige Vollzeitarbeitskraft avanciert. Knapp ein Jahr später bin ich also von der Uni direkt ins Freiberuflerdasein gesprungen. Eine bewusste Entscheidung. Ich kann mich natürlich erinnern, dass ich damals, das frische Abschlusszeugnis in der Hand, die Stellenanzeigen der Branche auch nach festen Stellen durchsucht habe. Nur: entweder waren die in Städten ausgeschrieben, in die ich nicht ziehen wollte, oder in Ressorts, die nicht zu mir passten. Ich nahm also zunächst eine Pauschalisten-Stelle bei meiner Heimatzeitung an. Für drei, nicht fünf Tage die Woche. Wenn schon frei, dann richtig, mit genug Zeit für andere Auftraggeber, habe ich meinen Chefs damals gesagt (und mich fast unbeliebt damit gemacht).

Das hat nicht jeder verstanden – und noch heute ärgert es mich, wenn mich Bekannte fragen: „Was? Bist du etwa immer noch frei? Noch keine Festanstellung gefunden?“ Die Sache ist: Ich will gar keine Festanstellung! Es ist nämlich in Zeiten des „digitalen“ (und auch oft weniger digitalen) Umbruchs in der Medienwelt gar nicht so lustig, wenn man als fester Redakteur in einer Redaktion sitzt, der die Abonnenten wegsterben und die mit immer weniger Geld immer mehr Inhalt für Print, Online, Facebook, Twitter und Youtube herstellen muss. Kreativität? Ideen? Fehlanzeige! Wo sollen die denn herkommen? Kreativität braucht Raum und manchmal auch Zeit. Beides ist im Redaktionsalltag heute nicht mehr vorgesehen.

Es gibt Redaktionen, in denen streiten sich die drei übrigen Festangestellten jedes Jahr aufs Neue, wer den Weihnachtsurlaub nehmen darf. Ich kann Urlaub machen, wann ich will – und über die Weihnachtstage bleibt der Computer bei mir grundsätzlich aus. Ich blogge in dieser Zeit auch nicht. Dafür bekomme ich auch kein Urlaubsgeld und Überstunden sollte ich am besten von vornherein in meine Honorare einkalkulieren (das mit der Kalkulation ist auch so eine Sache). Wenn einer meiner Auftraggeber abspringt oder Insolvenz anmeldet, stehe ich erst einmal ziemlich dumm da. Zum Glück gibt es immer noch mehrere andere, mit denen ich den Verlust im besten Fall erst mal ausgleichen kann. (Ein Festangestellter müsste direkt zum Arbeitsamt gehen.) Ich muss meine Krankenversicherung selbst bezahlen und mir ist es auch schon passiert, dass das Finanzamt gerade mitten in absoluten Stressphasen noch ein paar Unterlagen von mir angefordert hat. Sowas nervt.

Der Fairness halber muss ich zudem erwähnen, dass ich allein mit journalistischen Aufträgen nicht überleben könnte. Es gibt immer jemanden, der für weniger Geld arbeitet und leider sind es nicht nur die Verlage, sondern oft auch (verständlich!) die unfreiwilligen Freien, die Arbeitsbedingungen und Honorare versauen, weil sie aus Angst, Aufträge zu verlieren, gar nicht oder nur schlecht verhandeln. Das Schöne am Freisein ist ja aber: Ich bestimme über Honorar und Aufträge. Der sogenannte „Medienwandel“ wäre gewiss schon weiter, wenn sich jeder Freie auch darüber bewusst wäre. Wenn journalistische Aufträge nicht genug Geld abwerfen, dann muss ich mir eben andere Kunden suchen. Neben Zeitungsartikeln schreibe ich Auftragstexte für Blogs, Webseiten und Broschüren, für Firmen, Agenturen, Privatleute, Künstler und ganz unterschiedliche Projekte.

Ich lerne neue Arbeitstechniken dadurch kennen, neue Arbeitsfelder tun sich auf. Es erweitert den Horizont, auch fürs journalistische Arbeiten. Diese Flexibilität gibt mir die Freiheit, den Journalismus zu machen, der meinen Anforderungen an mich selbst entspricht. Wenn ich journalistisch arbeite, nehme ich mir die Zeit, gründlich zu recherchieren. Ich kann an meinen Texten feilen (meistens jedenfalls). Ich würde die Freiberuflichkeit daher auch immer wieder der Festanstellung vorziehen. Eines ist nämlich unbezahlbar: Ich bin dadurch das geworden, was ich werden wollte: Kulturjournalistin – und ich kann das genießen. Eine Festanstellung, noch dazu in meiner Heimatstadt, hätte ich in dem Ressort nach dem Studium nie gefunden. Ich konnte durch die Freiheit der Selbständigkeit zudem den Blog weiter ausbauen, interessante Menschen kennenlernen und mich selbst verwirklichen. Zwölfmal in knapp drei Wochen zu den Dresdner Musikfestspielen gehen – welcher angestellte Journalist schafft das schon? Das alles ist nicht jeden Tag so leicht, wie es hier klingt, aber millionenmal besser, als angestellt in einer Redaktion, irgendwo in Deutschland auszuharren und auf das Ende des „Medienwandels“ warten zu müssen. #darumfrei

Dieser Blogpost entstand im Rahmen der Blogparade #darumfrei. Initiatoren sind Bettina Blaß und Timo Stoppacher, die junge Journalisten mit ihrem Blog „Fit für den Journalismus“ machen wollen. 

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