Moderne trifft Mittelalter

Trio Mediæval und Arve Henriksen im Schlosshof

Musik war nicht zu allen Zeiten für den Konzertsaal gemacht. In Skandinavien etwa erfüllten Volksgesänge einst wichtige Funktionen im täglichen Leben. Sie dienten der Kommunikation über weite Distanzen in wilder Landschaft oder dem Lockruf für entferntes Vieh. Das norwegische Trio Mediæval (Foto: PR/Oddleiv Apneseth) ließ solche Klänge bei den Dresdner Musikfestspielen am Sonnabend (23.5.) durch den Kleinen Schlosshof hallen und erweckte alte Musik mit Jazz- und Gesangsimprovisationen dabei zu neuem Leben.

Die drei Sängerinnen sind zusammen mit dem norwegischen Trompeter Arve Henriksen zum ersten Mal in Dresden zu Gast – und auf jeden Fall eine interessante Entdeckung des aktuellen Festspieljahrgangs! Sie beschwören in ihren Lied- und Trompetenarragements ein filigranes Klangbild herauf, das den typischen Charakter von Gesängen aus dem 14. bis 17. Jahrhundert betont, diese im Dialog mit den Jazzimprovisationen jedoch ungewöhnlich lebendig erscheinen lässt.

Anna Maria Friman, Linn Andrea Fuglseth und Berit Opheim kosten Worte und Sprache der alten Vespergesänge und Volkslieder klangvoll mit Stimme aus, zaubern aus Konsonantenfolgen rhythmische Melodien und haben dazu historische Instrumente wie die norwegische Hardangerfiedel mitgebracht, mit denen sie das typische Kolorit nordisch melancholischer Klangwelten im Schlosshof heraufbeschwören. Das klingt herrlich skandinavisch und durchaus authentisch, beruht aber überwiegend auf selbst arrangierten Versionen der Ursprungslieder, deren originale Melodien heute kaum noch rekonstruierbar sind. Mit ihren Bearbeitungen beweisen die Musikerinnen ein feines Gespür im Umgang mit alter Musik. Ihre Arrangements sind mutig, aber doch so behutsam, dass sie eine leise Ahnung von der Tonkunst der Vergangenheit aufkeimen lassen.

Ein moderner Kontrapunkt dazu ist Arve Henriksens Trompete. Er umspielt den Gesang der Damen zunächst kaum hörbar, lässt sein Instrument nur leise flüstern, dann ein wenig deutlicher raunen – so als rausche nordisch kühler Wind durch Hof. Nach und nach wird Henriksen jedoch immer mutiger, nimmt Elektronik und Computertechnik zu Hilfe, um bald eigene Klangwelten zu kreieren. Nie verliert er dabei aus Auge und Ohr, was die Frauen gerade tun. Es erscheint viel eher als ein wunderbar eingespielter Dialog, ein ständiges Reagieren auf den jeweils anderen Part – so als würde die Musik des Mittelalters mit modernem Jazz in Kontakt treten. Nie verstörend, immer respektvoll im Umgang miteinander.

Das Trio und Arve Henriksen zeigen spürbar Freude am Experiment. Neben den Soloparts von Henriksen stehen sakrale Musik des Mittelalters, Volksmusik, Balladen und zeitgenössische Werke aus Island, Schweden und Norwegen auf dem Programm. Doch all diese Stil- und Klangfarben gehen in den phantasievollen Interpretationen des seit 2007 in dieser Konstellation musizierenden Quartetts Hand in Hand. So fügt sich alt und neu faszinierend nahtlos ineinander – wobei der klare Ton der tiefen, nordischen Folklore stets vorherrschend bleibt.

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