Der Wahnsinn der Wissenschaft

„Bohème 2020“ eröffnet Blicke auf die Kunst der Zukunft

Kreativität braucht Raum, Kunst braucht Freiheit. Beides ist nicht selbstverständlich im Getriebe der Kulturfabriken des 21. Jahrhunderts. Jan Vogler, der Intendant der Dresdner Musikfestspiele, hat daher 2014 mit der „Bohème 2020“ ein ganz besonderes Projekt für junge Künstler ins Leben gerufen. Am Rande des Festspieltrubels schenkt er einer ausgewählten Gruppe aus internationalen Künstlern aller Sparten sowohl den Raum als auch die Freiheit, gemeinsam ein eigenes, kreatives Projekt auf die Beine zu stellen – und dabei auch Visionen für die Kunst der Zukunft zu ersinnen.

Was 2014 mit acht Künstlern begann, setzt sich in diesem Festspieljahrgang nun mit einer neuen Gruppe fort. Dieses Mal sind es sechs begabte, teils auch schon sehr erfolgreiche, junge Menschen, die sich in Dresden eine Woche lang zu gemeinsamen Proben zusammenfanden, in dieser Zeit auch zusammen in einer Villa wohnten, um dem Publikum am Montag (18.5.) im Foyer der Informatik-Fakultät an der Technischen Universität Dresden (TU) eine kurze Performance über den „Wahnsinn“ zu präsentieren.

Forschung und Wissensdrang stehen am Anfang

Die Komponistin Lin Wang (*1976), der Filmkünstler Georg Pelzer (*1985), die Tänzerin Nicole Morel (*1985), der Fotograf Leif Firnhaber (*1987), der Pianist Teo Gheorghiu (*1992) und Sound-Designer Fabian Russ (*1985) tragen dabei zunächst weiße Schutzanzüge und vermessen den Raum mit tänzerischen Gesten. Sie stellen Fragen wie: „Wie weit sind die Sterne von Ihnen entfernt?“ oder „Wie weit ist die am weitesten von Ihnen entfernte Person in diesem Raum?“, erforschen das Foyer und die Menschen, die sie umgeben. Das Publikum schaut staunend zu, teils fasziniert, teils verwirrt, und ist somit auch selbst Teil dieses Experimentes.

Feste Plätze oder Stuhlreihen gibt es nicht, der schwarze Konzertflügel wirkt in der futuristischen Umgebung nahezu wie ein Fremdkörper. Teo Gheorgiu spielt darauf wunderbar klassische Weisen, doch auch künstliche Geräusche wie aus einem Forschungslabor rauschen rhythmisch durch den Raum, während eine Videoprojektion die Wände mit mikroskopischen Bildern bespielt. Es ist der Wahnsinn der Wissenschaft, gepaart mit dem der Musik, jeder Kunst, ja jeder Passion, den die sechs Performer mit Tanz, Musik, Klang und Licht in ihrer nicht einmal einstündigen Vorstellung skizzieren. Das Publikum steht mittendrin, es darf sich diesem Rausch hingeben oder eben distanziert schauen.

Stimmiges, souveränes Spiel an nur einem Abend

Im Vergleich zum vergangenen Jahr wirkt das Zusammenspiel der verschiedenen Komponenten der „Bohème 2020“ dieses Mal noch stimmiger. Die sechs Akteure sind ein paar Jahre älter als ihre Vorgänger 2014, ein wenig souveräner. Sie haben in der Kürze der Zeit mit Projektleiter Carsten Ludwig eine Performance geschaffen, die überrascht und fasziniert. Anders als die acht Bohèmiens im Vorjahr hatten sie jedoch nicht die Chance, sich vorab gemeinsam vor Publikum auszuprobieren. Es gibt nur diesen einen Auftritt. Das ist schade, denn 2014 endete der erste Abend an der TU mit einer Art Party in der Altanagalerie, die dem Begriff „Bohème“ wirklich gerecht wurde und bei der sich die Künste der acht Beteiligten fast noch ungezwungener entfesselten als später bei der Abschlusspräsentation in der Gläsernen Manufaktur.

Die Herausforderung für das Publikum bei dem Projekt „Bohème 2020“ besteht darin, sich auf das Unbekannte einzulassen. Ein richtiges Programm für das etwas andere Konzerterlebnis steht vorher nie fest. Der Antrieb für den Zuschauer ist in diesem Fall die Neugier, das ist fast ein bisschen wie in der Wissenschaft, und auch das Wissen darum, dass dieser künstlerische Freiraum am Rande eines etablierten Festivals etwas ganz Besonderes ist – nicht nur für die daran beteiligten Künstler, sondern auch für Dresden als Stadt der Kunst und Kultur und als Motor für neue, zukunftsweisende Projekte.


Linktipp: Dresden Eins über die Boheme 2020

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