Leichte Flöte statt rauhes Cello

Hörtipp des Monats: Sabine Kittel spielt Bachs Suiten

Johann Sebastian Bach schrieb seine Suiten BWV 1007–1012 ursprünglich für das Violoncello. In dieser Version sind die Werke wohl jedem Klasskfreund wohl bekannt. Doch Musik lebt von Variation und so legte schon Bach etwa für seine Suite Nr. 5 in c-Moll auch eine Version für die Laute vor. Erst der Flötist Paul Meisen stellte viele Jahre später fest, dass sich besagte Suiten auch gut für die Flöte eignen. Bislang hat dies allerdings wohl noch kaum ein Künstler wiederholt – und so scheint sich erst mit der jüngsten Soloaufnahme der Dresdner Flötistin Sabine Kittel von Bachs Suiten Nr. 5 in c-Moll und Nr. 6 in C-Dur eine jahrhundertelange Lücke in der Bachinterpretation zu schließen.

Die Soloflötistin studierte von 1985 bis 1991 an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden bei Johannes Walter. Von 1991 bis 1994 absolvierte sie ein Meisterklassenstudium bei Paul Meisen an der Hochschule für Musik in München. Seit 2000 spielt sie als Soloflötistin in der Sächsischen Staatskapelle Dresden, zuvor bei der Dresdner Philharmonie. Es ist faszinierend, was Sabine Kittel nun in ihrer jüngsten Solo-Einspielung aus Bachs zwei für Flöte bearbeiteten Suiten macht.

Kittel zeigt, dass diese Werke prima für die zwei Oktaven höhere Flöte funktionieren, auch hier einen warmen, weichen Klang erzeugen – nicht so schwer und voluminös wie beim Cello, dafür sehr filigran. Die Flöte verleiht den beiden Suiten durch ihre Höhe etwas verblüffend Leichtes, nimmt ihnen jegliche raue Klangfarbe und damit gleichzeitig auch ihre tiefe Ernsthaftigkeit. Fast verspielt hören sich einige der Sätze an. Vor allem die Gigue der Suite Nr. 5 strahlt wunderbar tänzerische Unbeschwertheit aus.

Spielerisch verlangt das auch in der Bearbeitung für Flöte einiges ab. Doch Sabine Kittel, die die beiden Werke auf einem modernen Instrument interpretiert, gelingt dies virtuos, auch die schnellen Verzierungen spielt sie scheinbar mit Leichtigkeit. Überhaupt scheint sie das Tempo mit ihrem Instrument deutlich anzuziehen, klingt die Flöte doch viel kürzer nach als das Violoncello. Erst im direkten Vergleich mit den Cellointerpretationen zeigt sich, dass die Bearbeitungen für Flöte klanglich kaum noch als Variation, sondern vielmehr als Neuentdeckung der Bach’schen Suiten gelten müssen. Eine Neuentdeckung, die sich freilich zu entdecken lohnt.


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