Oper mit Gruselfilm-Effekt

Giuseppe Verdis „Maskenball“ an den Landesbühnen

Verdis Opern gehören schon immer irgendwie zu den Thrillern der Musiktheaterliteratur. Der Regisseur Sebastian Ritschel bringt den „Maskenball“ an den Landesbühnen Sachsen nun in seiner Inszenierung auch optisch im Hitchcock-Stil auf die Bühne – und das gelingt ihm äußerst kurzweilig. Es geht um Königsmord und eine heimliche Liebe zwischen dem Schwedenkönig Gustav III. und Amelia, der Frau seines besten Freundes Graf Ankarström. Eine Verquickung von Privatem und Politischen also, die heutzutage nicht nur die Klatschspalten der bunten Blätter füllen würde, sondern auch wie geschaffen als Stoff für die moderne Filmindustrie scheint.

Dabei beruhte zumindest der Skandal um den Königsmord 1858 auf wahren Begebenheiten, allein die Liebesgeschichte hatte Verdis Librettist Antonio Somma für die Opernbühne keck hinzugedichtet. In Neapel war dieser Stoff damals jedoch ein Skandal. Die Oper konnte daher erst ein Jahr später in Rom (und mit veränderten Namen und Ortsangaben) uraufgeführt werden. In seiner Inszenierung verzichtet Ritschel allerdings auf solche historischen Vorlagen. Er zeigt vielmehr eine Welt der aalglatten Anzug- und Schlipsträger, die mit Mappen bewaffnet ihren Verschwörungsfeldzug gegen den König führen. Das Parkett, auf dem später der Maskenball tanzen wird, ist hier von Anfang an ein schräger, aus den Angeln gehobener Raum (Bühne: Jan Hofmann).

Aalglatte Schlipsträger versus Wahrsagermystik

Demgegenüber steht die Mystik der Hitchcock-Welt, etwa bei der Wahrsagerin Ulrika, deren Stube eine Art Hexenküche mit roten Damen ist. Hier wird erst mal ein junges Mädchen geopfert, bevor die Wahrsagerin – versteckt hinter Sonnenbrille und schwarzer Perücke – dem König sein baldiges Ende prophezeit. Silke Richter lässt ihren klaren Mezzosopran dabei als Ulrika gekonnt zwischen Drama und Geheimnis changieren. Ritschel findet klare, reduzierte, doch niemals langweilig werdende Bilder, um die Oper zu erzählen. Immer wieder bedient er sich komischer Anleihen aus Hitchcocks Horror-Repertoire und wird so den formalen Besonderheiten der Oper, die zwischen dem Genre des italienischen Melodramas und dem der frivolen Opéra-comique steht, auch optisch gerecht.

Die große Liebesszene zwischen Gustav und Amelia findet hier in einem gruseligen Wald (Foto: PR/Hagen König) statt, wo ein Toter vom Himmel baumelt und viele schwarze Raben hämisch auf einem Gerüst hocken, während sich beide ihre Liebe gestehen. Stephanie Krone gibt hier eine zerbrechlich wirkende Amelia, die jedoch bald schon ihre starken Seiten zeigt. Sie überzeugt mit einer wandelbaren Stimme, die stets zwischen Gefühl und Verzweiflung flammt. Vor allem das Duett – das Herzstück der Partitur – mit Christian S. Malchow im zweiten Akt bleibt berührend in Erinnerung. Malchow gelingt es jedoch nicht immer, die Partie des Gustav mit Seele zu erfüllen. Sein Gesang wirkt besonders am Anfang plakativ.

Interpretation der Elbland Philharmonie Sachsen fehlt die Prägnanz

Ganz anders Paul Gukhoe Song, der als Graf Ankarström durchweg mit starkem Ausdruck singt und dieser Figur Leidenschaft und einen gehörigen Sinne für Gerechtigkeit einhaucht. Song ist auch der einzige, der es schafft, die deutschen Texte überwiegend verständlich zu singen. Der musikalischen Interpretation der Elbland Philharmonie Sachsen fehlt allerdings insgesamt zur Premiere noch ein wenig die Prägnanz. Besonders vor der Pause scheint das Zusammenspiel von Orchester und Sängern (besonders dem Chor) nicht immer ausgereift. Christian Voß setzt hier zunächst auf große Akzente, spielt die dynamischen Spitzen der Partitur weit aus, was im kleinen Saal im Radebeuler Stammhaus oft keine glückliche Wirkung hat. Erst nach der Pause finden Orchester und Ensemble dann zu mehr Ausgeglichenheit zurück.

Am Ende beißen sie dann sogar zu, Hitchcocks Vögel, die Ritschel auch über seinem Radebeuler Verdi kreisen lässt. Wie in jedem guten Thriller passiert der Mord hinterrücks, inmitten der tanzenden Ballgesellschaft. Unter grausigen Totenvögelmasken versteckt, stechen die Verschwörer schließlich zu – und erst als Graf Ankarström das Messer in die Brust von Gustav gebohrt hat, fallen auch die letzten Masken. Es ist schon ein bisschen komisch, als die Ballgesellschaft dann mit roten Rosen um den Verwundeten tanzt – aber auch tragisch, wenn sich das Ganze als ein großes Missverständnis entpuppt, denn Gustav und Amelia blieben Ankarström letztlich doch treu. Das ist Komödie hinter der die Tragödien des Lebens am schmerzlichsten hervorblitzen, eben doch ein bisschen wie im Film.

Verdi „Ein Maskenball“, Landesbühnen Sachsen, wieder am: 24.1., 19.30 Uhr Landesbühnen Sachsen-Anhalt; 1.2., 16.00 Uhr Carl-Maria-von-Weber-Theater Bernburg; 6.3., 19.30 Uhr Theater Meißen; 7.3., 19.30 Uhr Radebeul; 20.3., 19.30 Uhr Radebeul; 26.4., 18 Uhr Großenhain Schloss; 9.5., 19.30 Uhr Radebeul

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