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Herbstauslese: „Der Leibarzt“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ gibt es auf elbmargarita.de eine Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Ralf Günther: „Der Leibarzt“.

„Der Leibarzt“ erzählt eine dramatische Geschichte um Carl Gustav Carus, zu Beginn des 19. Jahrhunderts königlicher Leibarzt und angesehenes Mitglied der Dresdner Gesellschaft, Vorreiter in der Geburtenheilkunde, Entwickler der Kaiserschnitt-Technik und heute Namensgeber des hiesigen Universitätsklinikums.

Bei einem gesellschaftlichen Beisammensein verliert eine Schauspielerin die Besinnung, weil sie ihren schwangeren Bauch mit Bandagen versteckt. In ihrer Not wird die junge Frau zum unfreiwilligen Forschungsobjekt: Carus will ihr helfen und präsentiert vor ausländischen Gelehrten seine Fortschritte um die Technik der Schnittgeburt. Doch schließlich passiert ein Unglück, das den Verdacht auf den Doktor selbst lenkt; Carus sieht nur eine Möglichkeit, sich dem Verlust seines Ansehens zu entziehen: Er muss den traurigen Fall selbst aufklären. Sein Freund und Gegenspieler, der Dichter Tieck, hilft und kontrolliert ihn dabei ebenso mürrisch wie listig.

Die zeitlose Problematik der ungewollten Schwangerschaft, verbunden mit der historischen Entwicklung der Geburtshilfe, bilden ein starkes gesellschaftliches Fundament für das Stück eines mitunter zwischen seinen Loyalitäten schwankenden Helden. Carus schwört auf den Anstand seiner Zeit, ist distanziert gegenüber zweifelhaften Patientinnen, verurteilt sie bisweilen erbarmungslos – in einem anderen Roman, zu einer anderen Zeit, hätte er sich gut mit Philieas Fogg oder Jean Valjean verstanden. Und doch hat dieser Mann ein so großes Forschungsinteresse an der Erleichterung schwieriger oder unmöglicher Geburten, dass er systematisch eine Prozedur entwickelt, die heute in den industrialisierten Ländern bei jeder dritten Geburt zum Einsatz kommt.

Carus – rechtschaffen, seriös, nicht selten unterkühlt, und doch der Angelpunkt eines Dramas, das vor Gefühlen überläuft – ist besessen von seiner Vision wie Viktor Frankenstein und getrieben vom ewigen Wissensdurst: Ein Mann der medizinischen Tat! Große Teile des Romans widmet Ralf Günther der Beschreibung des Forscherkellers mit seiner anatomischen Sammlung, der Untersuchung der schwangeren Frauen und dem wissenschaftlichen Kenntnisstand allgemein und konkret zur Frauenheilkunde. Spannend sind Carus‘ Schweineexperimente zur Schnittentbindung; sein Privatleben bleibt hingegen lange unbeleuchtet, während Exkurse in Malerei und Schauspielkunst oder Begegnungen mit bedeutenden Zeitgenossen das medizinische Thema auflockern.

Das Werk durchzieht eine etwas behäbige Entwicklung, bei der oft nur wenige Fragen entstehen, während Sprache und Figurenvielfalt die gesamte Aufmerksamkeit fordern. Wenngleich das Buch alles andere als eine leichte Strandlektüre ist, bedient sich Ralf Günther einer Erzählweise, bei der man jeden Satz genießen kann, unterstützt den Leser mit einem angenehmen Rhythmus und einer Wortwahl, die die Authentizität der Zeit unterstreicht. Seine konkrete, bildhafte Sprache charakterisiert mit teilweise humoristischen Rafinessen und rückt der Zeitepoche angemessen die Emotionen in den Mittelpunkt.

Die Kulisse Dresden ist zwischen den Zeilen allgegenwärtig: Von höfischen Intrigen bis zu Zeitgenössichem der Oberschicht lässt Günther nicht viel aus, das damals den Alltag der Stadt bewegte. Die Geschichte der Actrice Bernstein zeigt Einblicke in das Schicksal der Frauen, von dem Carus ständig umgeben war. Damals noch Dresdner, widmete sich der Autor in seinen historischen Romanen bevorzugt regionalen Themen; zur weiteren Lektüre lassen sich „Die Pestburg“ (2003) oder „Die türkische Mätresse“ (2013) empfehlen.

Zu recht wurde dieser vielschichtige Roman zu einem Bestseller, obwohl sein Anspruch im Vergleich historischer Romane hoch angesiedelt ist. Nicht nur durch tiefgehende glaubwürdige Charakterisierung im atmosphärischen Zeitkontext besticht „Der Leibarzt“ vor allem jene Leser, die die Dichtung und die Dichte lieben.

Linktipp: www.rague.de

2 Gedanken zu “Ein Dresdner Klassiker

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