Flashback Ost Herbstlese13

Herbstauslese: „Flashback Ost“

Herbstzeit ist auch Lesezeit. Unter dem Motto „Herbstauslese“ gibt es auf elbmargarita.de eine Serie, in der wir ausgewählte Romane und Erzählungen rezensieren, die in Dresden spielen. Heute: Francis Mohr: „Flashback Ost“.

Hannes, Igor und Stanislaw verschieben in den 90er Jahren geklaute Autos von Sachsen über Polen in die Ukraine. Was sie alle erlebt haben – in der DDR und nach der Wende, in Dresden, Leipzig und in Osteuropa –, hat sie geprägt und zu einem ungleichen Trio werden lassen, das Onkel Pavels alten Bauernhof besetzt und sich mit Wodka und Wurstbemme durchs Leben schlägt, bis sich die drei Freunde für dieselbe Frau interessieren: Die temperamentvolle Polin Graczyna.

Vom Bauernhof als Ausgangspunkt springen die Kapitel in die 80er, 70er und noch weiter zurück und unterbrechen die aktuellen Pläne der Bande mit Sequenzen aus anderen Lebensabschnitten oder von Orten, die die Figuren geprägt haben. Mohrs „Flashbacks“ sind Rückblenden, die sich in die etwas schleppende Haupthandlung geschickt einpassen. Mit einem Drittel des Buches ist das Setting für den Roman stabil, aber der Spannungsbogen bleibt diffus und verliert sich in atmosphärischer Erzählung. Dichte und Beschreibungen sind dabei Mohrs große Stärke, und sein bildhafter Stil macht den Genuss der Sprache leicht:

„Den Hof hatte man erst nach dem ersten Weltkrieg durch ein Pflaster geadelt. Den Belastungen der Zeit hatte es nicht standgehalten, sodass es nur noch Stückwerk war. Traktoren und Vieh hatten ihm zugesetzt. Die Pflastersteine wurden zum Material beim Ausbessern an Stall und Scheune. An manchen Stellen sah es so aus, als klettere der Hof die Mauern hoch. Löwenzahn und Unkraut schickten sich an, das marode Hofpflaster zu ersticken. In den Ecken türmten sich Schrott und verdreckte Fässer.“

Die zahlreichen Exkurse in verschiedene Lebens- und Zeitabschnitte sind gerade ausreichend lang gewählt, um bedeutende Themen nicht nur zu streifen. Ob Fußball in den 80er Jahren, die Hooliganszene, osteuropäischen Kulturen, Menschenschmuggel, politische Betrachtungen der Jugend zur Wendezeit oder die Probleme, in der DDR an einen Studienplatz zu kommen …

„Hannes passte nicht hinein in die Begrenzungen, den Zerfall, die Lügen, die geistige Zucht, die engen Perspektiven, die Diktatur des Proletariats. Er verachtete die geduckte Intelligenz, die ihre Existenz infrage stellte und ihr Potential verriet. Er hasste diesen Staat, der von nuschelnden Idioten geführt und von Anpassern getragen wurde. Aber er liebte sein Land, seine Stadt, seine Familie, seine Freunde. Seine Heimat. Die würde er nie verlassen.“

Die Reflektionen sind vielseitig und markant und lassen auch die Nachkriegszeit und die Bombardierung Dresdens nicht aus – prägende Episoden aus dem Leben einer anderen Generation. Dabei werden verschiedene Perspektiven der Parteien beleuchtet, bis Mohr schließlich alle Fäden gekonnt wieder zusammenführt.

Der Dresdner Autor gibt seiner Stadt im Buch eine Rolle als Hintergrund für Teile der Handlung: Vorwiegend Autodiebstähle in verschiedenen Stadtteilen, die mit ihren demografischen Variationen skizziert werden. Insgesamt lässt sich der Roman als Chronik betrachten, als buntes, aber auch kontrastreiches Album der neueren Geschichte unserer Region, die durch bewegte und bewegende Bilder ausgefüllt wird.

Linktipp: www.federkrieger-dresden.de

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