Theaterorgasmus mit Unterhaltungswert

„Harry und Sally” am Boulevardtheater Dresden

Männer und Frauen können nicht befreundet sein! Der Film „Harry und Sally“ von Rob Reiner hat das schon im Jahr 1989 bewiesen. Oder war es doch anders? Wie dem auch sei, die Liebeskomödie erobert jetzt in der Bühnenfassung von Marcy Kahan das Dresdner Boulevardtheater – und beschert dort beste Unterhaltung und herzerfrischende Vorweihnachtsromantik.

Ein bisschen ist es hier schon wie im Film: Im rotgeziegelten New Yorker Hinterhaus treffen Harry (Peter Posniak) und Sally (Katharina Eirich) zum ersten Mal aufeinander und diskutieren über guten Sex, attraktive Frauen und das (so findet Harry jedenfalls) meist eindeutige Verhältnis erobernder Männer zu den Objekten ihrer Begierde. Freundschaft zwischen Mann und Frau? Das gibt es nicht, ist Harry überzeugt. Sally glaubt jedoch das Gegenteil. Zweimal liegen jeweils fünf Jahre zwischen den Wiederbegegnungen der beiden, bevor es dann aber doch noch klappt mit der Freundschaft, ohne Sex. Zunächst jedenfalls – danach wird es dafür erst recht kompliziert.

Christian Kühn inszeniert das Stück mit einem sicheren Gespür für das richtige Maß zwischen humorvoller Unterhaltung, romantischer Filmadaption und dem nötigen Quäntchen an eigener Regiehandschrift. Er hat dazu ein Ensemble aus sechs starken Darstellern auf der Bühne, die ganz locker und ungeniert an die filmische Vorlage von Billy Crystal und Meg Ryan andocken.

Szenenapplaus für Sallys gespielten Höhepunkt

Das erweist sich natürlich vor allem in DER Szene – wohl eine der meist zitierten Szenen der Filmgeschichte überhaupt –, in der Harry und Sally im Restaurant über intime Liebesdinge wie den Orgasmus der Frau reden und Sally zum Beweis für die leichte Vortäuschbarkeit des Ganzen einen filmreifen Höhepunkt vorstöhnt. Katharina Eirich gelingt dies zur Premiere (30.11.) so überzeugend, dass sie spontan heftigen Szenenapplaus einheimst. Zusammen mit Peter Posniak, der als smarter Harry sein Dresdner Theaterdebüt gibt, liefert sie sich im Stück jedoch auch jenseits dieser Szene ein gewitztes Dialogspiel getreu dem Motto „Was sich neckt, das liebt sich“!

Den beiden schaut man beim Necken, Streiten, Verlieben, Sauer-aufeinander-sein und Versöhnen gern zu. Das entzückende Doppel bekommt mit Lena Heimannsberg, die Sallys flippige Freundin Marie mimt, zudem einen wunderbaren Kontrapunkt. Jene freche Punk-Marie heiratet schließlich Jack, den besten Freund von Harry, den René Geißler als schrägen Typen in Jogginganzug und Sonnenbrille spielt. Berit Möller und Paul T. Grasshoff schlüpfen dazu in reger Wandelbarkeit in die verschiedenen, meist stummen Nebenrollen vom Kellner, Exfreund und Lieferanten bis hin zur Kursleiterin, Exfrau und Weihnachtsbaumverkäuferin.

Pärchenvideos im Privatsenderdokuduktus als Intermezzi

Und auch an heimeliger bis förmlicher Atmosphäre wird nicht gespart: Mal ist es die Studentenbude von Sally, dann das Schlafzimmer, mal ein Restaurant, mal der Flughafen, einmal sogar ein Eislaufteich im Park, der hinter dem Graffiti-Rolltor des Kulissen-Hauses auftaucht. Alexander Martynow hat so ein wirksames wie vielseitiges Bühnenbild geschaffen, wobei er mit Kostümen im 80er Stil dezent an die Filmvorlage anknüpft. Ein kluger Kniff, der Abwechslung ins Spiel bringt und die Zeiten der Funkstille zwischen Harry und Sally flugs überbrückt, sind zudem kleine, wohl auch bewusst drollig inszenierte Videos von Pärchen, die im Privatsenderdokuduktus von ihrem Kennenlernen berichten. Das ist mal witzig, mal albern, einmal sogar berührend – und findet schließlich konsequent seinen überraschenden Abschluss, als auch Harry und Sally auf der Leinwand auftauchen.

Nach zwei so wunderbar leichten Theaterstunden fällt es ehrlich schwer, grobe Kritik am Stück zu üben. Klar, der Stoff ist seicht und etwas kitschig, eine typische Liebeskomödie eben. Dafür heißt es aber auch „Boulevardtheater“, und das spielt hier einmal mehr auf einem hohen künstlerischen Niveau in der Dresdner Bühnenlandschaft mit. Mögen die Freunde gediegener Hochkultur jetzt vielleicht stöhnen und schreien, aber dieses Stück hat ebenso wie der Film das Zeug zum Kassenschlager. Gerne mehr davon!

„Harry und Sally“ am Boulevardtheater Dresden, wieder am 5.12., 6.12., 20 Uhr, 7.12., 18 Uhr, 8.12., 16.12., 17.12., 19.30 Uhr, 18.12., 19.12., 20.12., 21.12., 22.12., 23.12., 20 Uhr und Silvester

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