Das schlaue Füchslein an der Semperoper
Vanessa Goikoetxea und Sergej Leiferkus als Füchsin und Förster

Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ an der Semperoper

Der alte Förster steht im Wald. Schnaufend schaut er um sich, die Blätter fallen. Es ist Herbst, in der Natur und in seinem Leben. Da sieht er ein kleines, rotes Füchslein. Agil springt es durch den Wald, schnuppert an Wurzeln und Farnen, huscht durchs Dickicht – und der Förster bekommt Sehnsucht nach der Unbefangenheit der Jugend, die pure Lebendigkeit verheißt. Der Komponist Leoš Janáček (1854–1928) war selbst schon ein alter Mann, als er seine Oper „Das schlaue Füchslein“ nach der Erzählung „Liška Bystrouška“ von Rudolf Těsnohlídik schrieb. Eine Oper, die in vielerlei Hinsicht mit den Konventionen der Gattung bricht – oder zumindest gewaltig mit ihnen spielt. Frank Hilbrich hat das poetische Stück nun an der Semperoper in Dresden neu inszeniert.

Es wirkt wie ein großes, sinnlich buntes Bilderbuch mit Musik, das der Regisseur hier auf die Bühne bringt. Volker Thiele hat diese dafür in eine Art grauen Guckkasten verwandelt, in dem eine Öffnung im hinteren Teil wechselnd den Blick auf Wälder, Spiegelwelten oder einen Fuchsbau freigibt. In der Mitte bewegt sich der alte Mann im weißen Anzug mit lichtem Haar. Er kämpft mit seiner Füchsin (Foto: PR/Matthias Creutziger), die ein durchscheinendes rotes Kleid unter ihrem Pelzmantel (Kostüme: Gabriele Rupprecht) verbirgt – ein Innbegriff weiblicher Reize –, fängt sie ein und bringt sie nach Hause. Es ist erstaunlich, wie viel Raum der Komponist den reinen, erzählenden Instrumentalszenen überlässt. Janáčeks Musik wirkt dabei fast wie im Stummfilm, lässt innere Bilder des Försters hörbar werden, intuitiv, auch philosophisch und so naturgewaltig, dass man sich am liebsten darin fallen lassen würde.

Die Oper kommt so nahezu ohne große Arien aus, ohne deswegen nur einen Moment an Spannung zu verlieren. Janáček ist ein Meister der klanglichen Dramaturgie und Hilbrich unterstreicht diese musikalische Erzähloper von Anfang an mit starken poetischen, auch symbolischen Bildern. Sie schöpfen ihre Kraft aus dem Spannungsfeld zwischen dem Altern des Försters und der frischen, jungen Erotik der Füchsin, aus den Kontrasten zwischen tierisch und menschlich, Sehnsucht und Realität – sogar ein echter Fuchs ist mit dabei. Hilbrich bedient sich aber auch ganz klassischer Theatermittel, macht aus der Männerrunde im Wirtshaus etwa einen „Club der alten Herren“, indem er Pfarrer, Schulmeister und Co. Masken wie riesige Greisenköpfe verpasst. Die Menschen sind alt, die Tiere wild in dieser Oper.

Der Tscheche Tomáš Netopil lässt die Sächsische Staatskapelle Dresden zu einem überzeugenden Erzähler dieser Geschichte werden, die wohl wie keine andere Oper von der Musik getragen ist. Diese ist so vielseitig gestaltet wie die Bilder, mit denen die Regie sie in der Semperoper sichtbar werden lässt. Janáček spart nicht mit Effekten und Emotionen, baut sogar einen krähenden Hahn oder Geräusche wie knackende Äste in seine Musik ein. Das alles fügt sich wunderbar ineinander, Natur verwebt sich mit menschlicher Selbstreflexion – wilder Kampf mit zarten Sehnsüchten. Selbst das Tschechische, das sich im Gesang oft kantig anhört, korrespondiert mit dieser Partitur, als habe Janáček die Worte genau auf seine Musik hin austariert, die Sprache ihr eingepasst.

Vanessa Goikoetxea ist eine agile, stimmlich vielseitige Füchsin, die den jungen Lebensdrang, auch die Verführung, gut auf die Bühne bringt. Barbara Senator steht ihr als leidenschaftlicher Fuchs zur Seite, reizt die Höhen ihrer Partie mit großer Stimmkraft aus – kein Wunder, dass Frau Füchsin diesen frechen Fuchs dann ehelicht. Der Förster hingegen bleibt allein zurück. Sergei Leiferkus überzeugt in der Rolle des Alten mit ungeheurer Präsenz. Es ist großartig, wie er den langsamen Abschied vom Leben, der sich doch nur im Inneren des Försters abspielt, gesanglich wie darstellerisch deutlich macht. Da ist so vieles, was diese Oper auszudrücken vermag, so existenzielle Fragen verpackt in wahrnehmbare Sinnlichkeit, dass man fast enttäuscht ist, als sich der Vorhang schon nach eineinhalb Stunden senkt. Denn dieser fabelartigen Opernerzählung für Erwachsene möchte man gern noch länger zusehen und –hören, die Bilder in sich fassen, den Sehnsüchten des Försters folgen und dabei die irdische Philosophie des großen Lebenszyklus wie die Musik von Janáček in sich aufsaugen.

Nicole Czerwinka

Leoš Janáčeks „Das schlaue Füchslein“ an der Semperoper, wieder am 21.11., 26.11. und 9.12., jeweils 19 Uhr

Linktipp: www.semperoper.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.