Starkes Stück auf kleiner Bühne

Die tu bühne spielt „Die fetten Jahre sind vorbei“

Kleine, unscheinbare Bühnen bieten einen nährreichen Boden für jene relevanten Stoffe, die an den großen Häusern viel zu selten in den Spielplänen stehen. So ist das auch im 25. Jahre nach der Wende, also genau 25 Herbste nachdem in Berlin die Mauer fiel. Es sollte den Dresdner Intendanten allerdings schon ein bisschen zu Denken geben, dass sich an der bühne der TU Dresden derzeit gerade jene mit den Protestkulturen von damals (und auch denen von heute, wenn man sie denn überhaupt so nennen kann) auseinandersetzen, die damals noch gar nicht auf der Welt waren oder erst in den Windeln strampelten.

In der Regie von Peter Wagner zeigen die Studenten nun zum Semester- und Herbstauftakt ihre Bühnenversion von Hans Weingartners Film „Die fetten Jahren sind vorbei“ (2004) im Weberbau der TU. Sie verlagern die Handlung über eine junge Protestgruppe dabei jedoch geschickt ins Jahr 2014 auf ostdeutscher Seite. Ausgangspunkt ist der via Video in den Hörsaal eingespielte Protest der DDR-Bürger gegen das Regime im Jahr 1989. Die Jugend damals hatte noch klare „Feinde“, gegen die sie in den Montagsdemos aufbegehren konnte, sagt der reife Kaufhauschef Hardenberg hier zu Beginn. Er selbst war als Mauerschütze dabei, berichtet also als Zeitzeuge von der „Schuld des Mitmachens“.

Die allerdings lädt in einer Welt, in der die „Globalisierung die neue Geschichte ist“, eigentlich jeder – ob er nun will oder nicht – auf sich. Protest zwecklos? Die drei Jugendlichen im Stück haben dazu ganz unterschiedliche Meinungen. Jule (Kristina Pflugbeil) behält sich das Studentenleben lange vor, um möglichst nicht erst „einsteigen zu müssen“, in dieses Leben aus alltäglicher Gleichgültigkeit. Peter (Florian Gleissner) ist der angepasste Schwarmfisch, der alles tut, was die Masse von ihm erwartet. Plattenbau- und Scheidungskind Jan (Robert Richter) bezeichnet sich immerhin noch als „standhaft bis radikal“ – was immer das auch bedeuten mag.

Sie alle schlittern – im Film wie auf der Bühne – mehr oder weniger ungewollt in eine verzwickte Situation, als sie rebellierend und ohne Kontrolle kurzerhand den Kaufhauschef Hardenberg (Andreas Matthus) entführen. Es ist eher ein Unfall (Foto: PR/Phillip Heinz) als ihr klar artikulierter Protest gegen die Ausbeutung der Armen in der Welt. Und es zeigt sich schnell, dass es zwar 25 Jahre nach 1989 noch viele Dinge gäbe, gegen die zu protestieren sich lohnte. Die Ziele dieses Protestes scheinen in einer globalisierten Welt jedoch so obsolet wie noch nie zu sein. Hardenberg bringt dies gut auf den Punkt, als er sagt: „In der DDR hatten wir Mangel an allem, aber trotzdem die Hoffnung auf Aufbruch. Heute gibt es keinen Mangel mehr, aber auch keine Hoffnung auf Veränderung.“

Peter Wagner inszeniert dies äußert kurzweilig mit Hilfe von kurzen Videos, witzigen Rückblenden und kleinen Vorausblicken in die Zukunft, in denen die Studenten als reiche, ebenfalls ausbeutende Gesellschaft auftreten. Zudem fügt er eine herrlich komische Version von Platons Höhlengleichnis ein, die darauf abzielt, dass man die Masse der heutigen Gesellschaft durchaus erst aufklärend ans Licht führen müsste, wollte man einen Protest wie den von 1989 auch in einer globalisierten Welt wiederholen. In einer schlichten Kulisse (Sofa, Leinwand, ein paar Papphocker, Plastiksektgläser und ein paar Möhren sind alles, was zum Bühnenbild gehört) überzeugt das studentische Ensemble hier sowohl inhaltlich als auch schauspielerisch von der ersten bis zur letzten Minute. Vor allem Kristina Pflugbeil spielt mit großer Leidenschaft, dass es eine Freude ist ihr zuzusehen.

Ganz unscheinbar entsteht so auf der kleinen Hinterbühne im Weberbau der TU Dresden gutes und vor allem gesellschaftlich relevantes, auch spannend inszeniertes Theater. Vielleicht braucht es ja angesichts solcher mutiger Kunst auch gar keine allzu großen Proteste mehr. Schade nur, dass der größte Teil des Publikums eben doch lieber die seichten Gefälligkeiten der großen Schauspielbühnen in der Stadt genießt …

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