Zeit und Raum auf dem Seziertisch der Kunst

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„Dresdner Anatomie“-Splitter I.

Eine Flasche voll Zeit in einem Raum voller Geschichte – und voller Geschichten, die er erzählen könnte, würde ihm nur jemand zuhören. Doch der L-förmige Flur der Hochschule für Bildende Künste in der Güntzstraße 34, den Susanne Hardt, Katharina Kreßler und Lukas Pohlmann in ihrer Raummodulation +/- 107 in den Fokus rücken, ist heute nicht mehr als ein Durchgang.

Anlässlich des Festivals „Dresdner Anatomie“, das zum 250. Geburtstag der hiesigen Kunsthochschule an diesem Wochenende (2. bis 4. Mai) stattfindet, wird er nun selbst zu Kunstwerk. Mit einer Flasche voll Sand geht es hinein, in diesen sonst nackten Flur, der hier mit Erinnerungsstücken, Klebezetteln, Hörstationen und alten Öfen zu einem Puzzle seiner eigenen Geschichte wird.

Der Sand rieselt, je nach Flasche, so um die 20 Minuten lang, die der Besucher nun Zeit hat, um die Geschichte dieses L-förmigen Flurs zu erkunden. Während unsere Zeit verstreicht, hinterlassen wir Fußabdrücke in dem stetig nach unten rieselnden Sand, andere, die nach uns kommen, verwischen sie wieder, setzen ihre eigenen, neuen, nur der Raum, dieser Flur eben, seit Jahrzehnten Verbindungsstück zwischen Lehre und Museum, hat sie alle gesehen.

Doch nicht nur wir prägen Räume, auch Räume prägen uns, wie die Koreanerin Jeeyoung Shin in ihrer Performance „a round me“ zusammen mit dem Komponisten Lorenz Grau zeigt. Bilder von Dresden, der Innenstadt, der Neustadt, schöne barocke Häuserfassaden, lebendige Straßen, volle Bahnen. In der Mitte ein koreanisches Mädchen, am Rand die Zuschauer, die wie im Kreis sitzen.

Es geht um eigene und persönliche Fremdheitsgefühle, um die eigene Identität im fremden Land. Da ist Dresden und das Dresdner Publikum, vor dem sich die koreanische junge Frau in eine Europäerin zu verwandeln beginnt. Sie pudert sich, schminkt ihre Augen, setzt schließlich eine blonde Perücke auf, passt sich an, ohne sich selbst zu verlieren.

Sie dreht sich mit ihrem neuen Spiegelbild und den Dresdner Stadtansichten im Kreis, bis es dunkel und einsam wird auf den Stadtbildern. Ein leerer Postplatz bei Nacht, bleierne Töne erfüllen den Raum. Das Dresdner Publikum vom Taschenlampenlicht angeleuchtet. Eine berührende, heutige, brisante Performance.

Foto & Text: Nicole Czerwinka

Linktipp: www.hfbk-dresden.de/250

 

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