Zerlegen und Zusammenfügen als Kunstprinzip

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„Dresdner Anatomie“-Splitter II.

Still schlendern die Besucher durch die Ausstellung „geradezu momentan“ im Oktogon am Georg-Treu-Platz. Sie zeigt Exponate aus 250 Jahren Dresdner Kunstakademie. Dann tönt eine Trompete behutsam durch das alte Gemäuer. Eine Sängerin wälzt sich verzweifelt suchend in einem Türrahmen. Sie skaliert zischende englische Vokale, bevor ein zarter, hoher Gesang erschallt.

Es ist das Projektensemble Auditivvokal der Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber, das hier im Rahmen des Festivals „Dresdner Anatomie“ mitten am Sonntag mit einem knapp 15-minüten Konzert in die Ausstellung einfällt. Die Musik ist genau auf dieses alte Gemäuer abgestimmt, hallt an seinen Backsteinwänden wider wie die Geschichte der Kunstwerke, die darin ausgestellt sind.

Die Besucher bleiben ergriffen stehen und lauschen, schauen den Sängern zu, die sich tranceartig in phantasievollen Kostümen durch den Raum bewegen – und musizieren. Dann ist die konzertante Performance „in between: echo“ auch schon vorbei. Nur das Echo der Tonkunst, die hier im Dialog mit den Exponaten gerade entstanden, gewachsen und verhallt ist, schwebt noch über dem Oktogon.

Im Hof der Hochschule für Bildende Künste in der Güntzstraße 34 schlummert still ein Entenpärchen, während es in der Rundbühne im Labortheater langsam eng wird. Zur Langen Nacht der Dresdner Theater rücken die Dresdner überall in der Stadt zusammen, hier jedoch wird – anders als anderswo – mit „Anatomie zerlegen“ ein einmaliges Projekt gezeigt.

Ein intimer Rahmen, der Seziertisch steht in der Mitte, am Rande spielt das Ensemble „Auditivvokal“ zu verschiedenen Filmausschnitten zum Thema Anatomie, Körper, Tod. Licht, Ton, Schrift und Video vereinen sich hier zu einem neuen, szenischen Gesamtkunstwerk. Es handelt von der Geschichte der Anatomischen Sammlung der Dresdner Kunstakademie und auch von der Vergänglichkeit des Lebens.

Fragmente aus Film, Archivdokumenten und Musikstücken fügen sich zu zwei knapp 30-minütigen Vorstellungen zusammen. Die Atmosphäre ist gespannt, still schweigen die Anwesenden, verfolgen die Filmaufnahmen von einem Anatomieprofessor, einem Tierpräparator, einem Bestatter, lauschen der Musik, hören die Berichte. Anatomie als Prinzip von Kunst, die Historie freilegt und hinterfragt.

Foto & Text: Nicole Czerwinka

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