Vom Nibelungenlied der alten Türken

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Dresdner Sinfoniker vertonen den Mythos „Dede Korkut“

Die Dresdner Sinfoniker starten dieser Tage ein wahres Großprojekt. Mit „Dede Korkut“ bringen sie am 8. Februar im Festspielhaus Hellerau nicht nur ein Konzert mit Erlebnischarakter, sondern multimediales Musiktheater auf die Bühne. Die textliche Grundlage dafür bildet eine Sagensammlung der Oghusen, einem Urvolk der Türken, die hierzulande allerdings weitgehend unbekannt ist. „Das Buch des Dede Korkut beinhaltet zwölf Sagen aus dem 11. Jahrhundert, die von Kasachstan bis in die Türkei jedes Kind kennt“, erklärt der Intendant der Dresdner Sinfoniker, Markus Rindt. Das Ganze könnte man auch als eine Art Nibelungenlied der Türkei und Zentralasiens bezeichnen, das dort bis heute auf verschiedene Weise gesungen, gespielt und von den Künstlern verarbeitet wird.

Dass die einzige, vollständig erhaltende Handschrift dieses mythologischen Stoffes ausgerechnet in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) liegt (eine weitere im Vatikan), war allerdings Zufall. Der türkisch-deutsche Komponist Marc Sinan war – ohne dies zu wissen – auf die Sagen des Barden Dede Korkut gestoßen und wählte schließlich eine davon aus, um sie mit den Dresdner Sinfonikern in einem „dokufiktionalen“ Musiktheater für Orchester, Stimme, Bewegung und Videoinstallation zu vertonen. „Die Kunde von Tepegöz“ erzählt von dem Einäugigen Tepegöz, einem unzähmbaren Sproß einer vergewaltigten Nymphe, der zur tödlichen Bedrohung für das Volk der Oghusen wird. Am Ende ist es ausgerechnet sein Bruder, der ihn tötet.

Doch für Sinan steckt mehr hinter der Erzählung: „Die Sage erzählt eigentlich von der Schwierigkeit, mit unlöschbarer Schuld umzugehen. Die Geschichte wird meiner Meinung nach nur erzählt, um die Vergewaltigung der Nymphe, zu verschleiern. Diese Tat wird nie gesühnt, stattdessen versucht man nur, ihre Folgen zu beseitigen“, sagt der Komponist. Er will die Sage in seinem Musiktheater daher aus Sicht des Ausgegrenzten, als Parabel einer gescheiterten Integration erzählen – und macht sie damit auch zum hochbrisanten Gegenwartsstoff. Im Vorfeld der Arbeit hat er sich zusammen mit Markus Rindt auf Spurensuche in Zentralasien begeben.

Zwei jeweils dreiwöchige Reisen, nach Usbekistan (2011) und nach Kasachstan und Aserbaidschan (2013), führten die beiden zu Wissenschaftlern, Volksmusikern sowie hoch renommierten Künstlern aus diesen Ländern. Ähnlich wie vor der Aufführung von „Hasretim – eine anatolische Reise“ 2010 (Foto: PR/ Filip Zorzor) haben sie von diesen Recherchereisen ein Dutzend Musiker-Videos mit nach Deutschland gebracht. Sie zeigen, wie die Künstler in diesen drei Ländern auf ihren traditionellen Instrumenten musizieren. All diese Videos werden in die Aufführung von „Dede Korkut“  sowie in die Kompositionen von Marc Sinan eingebunden.

Vier der Solisten aus Kasachstan, Usbekistan und Aserbaidschan spielen live zur Uraufführung in Hellerau. Zudem arbeiten Sinan und Rindt mit der türkischen Choreografin Aydin Teker zusammen, die für ihre Choreografien mit Solisten bekannt ist. „Sie hätte am liebsten das ganze Orchester in die Arbeit einbezogen, aber das war organisatorisch nicht machbar“, erzählt Rindt. So haben die Dresdner Sinfoniker und Marc Sinan binnen drei Jahren ein riesiges Projekt auf die Beine gestellt, das mittlerweile mit rund 200.000 Euro von der EU gefördert wird und auch in Zusammenarbeit mit dem Maxim Gorki Theater Berlin und dem Europäischen Zentrum der Künste Hellerau entsteht.

Das Libretto für „Dede Korkut“ schrieb Holger Kuhla, Dramaturg am Maxim Gorki Theater Berlin. „Es wird aber nicht so narrativ wie in der Oper erzählt“, sagt Rindt. Um die Sagenwelt der Oghusen auch dem deutschen Publikum ein wenig nahezubringen, ist die Uraufführung in Hellerau von zahlreichen Rahmenveranstaltungen gesäumt. In der Schatzkammer der SLUB ist die vollständige Handschrift „Dede Korkut“ noch bis zum 28. Februar für Besucher zugänglich. Im Vorfeld der Uraufführung findet in Hellerau am 8. Februar zudem das Symposium „Mythos heute“ statt.

Daneben gibt es noch ein Schulprojekt, bei dem sich Schüler von  vier Schulen aus Berlin und einer aus Dresden ausgehend vom Mythenstoff mit aktuellen Fragenstellungen zum Thema Migration beschäftigt haben. Die Ergebnisse der 84. Grundschule Hellerau werden ebenfalls am 8. Februar im Festspielhaus (14.30 Uhr und 15.30 Uhr) präsentiert. Und damit die Musik Zentralasiens wenigstens auf Zeit ein Zuhause in Dresden findet, gibt es bis zum 6. Februar jeden Abend Hauskonzerte mit den Solisten aus Usbekistan, Kasachstan und Aserbaidschan in Dresden. Wer danach noch fragt, wer denn eigentlich dieser „Dede Korkut“ sei, der hat wohl wirklich etwas verpasst.

Nicole Czerwinka

Dresdner Sinfoniker „Dede Korkut“, 8. Februar, 20 Uhr im Festspielhaus Hellerau, weitere Aufführungen am 14./15. und 16. Februar im Maxim Gorki Theater Berlin

Linktipp: www.dedekorkut.eu

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