Siegeszug aus der Vergessenheit

Kästners „Klaus im Schrank“ am Staatsschauspiel

Das Dresdner Schauspielhaus ist bis auf den letzten Platz ausverkauft, als sich am zweiten Advent der Vorhang zu Erich Kästners lang verschollen geglaubten Theaterstück „Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest“ hebt. Vor gut einem Monat feierte das Werk aus dem Jahre 1927 seine Uraufführung. Zuvor nämlich hatte dieser „Klaus“ gut ein halbes Jahrhundert lang sprichwörtlich im Schrank geschlummert, bevor das Manuskript im Nachlass von Kästners Mitarbeiterin Elfriede Mechnig wieder auftauchte.

Am Staatsschauspiel erwacht es in einer Fassung sowie in der Regie von Susanne Lietzow nun endlich zum Leben – und erfreut sich seit November nicht nur an Adventssonntagen sehr großer Nachfrage. Die Handlung dreht sich um die Kinder Klaus und Kläre, Geschwister aus gutem Hause, jedoch von den vielbeschäftigten Eltern sträflich vernachlässigt. Als eines einsamen Abends plötzlich das Radio zu den beiden spricht und sie bittet, in den Schrank zu gehen, finden sich die Sprösslinge plötzlich an einem Filmset der 20er Jahre wieder. Dort führen Charlie Chaplin und Jackie Coogan in einem Film Regie, in dem die Kinder mit den Eltern die Rollen tauschen sollen.

Susanne Lietzow lässt sich zusammen mit Bühnenbildner Aurel Lenfert herrliche Bilder einfallen, um dieses typisch Kästner‘sche Stück voll bittersüßer Ironie auf der Bühne zu erzählen. Sind die Kinder anfangs noch in einem großen, gut bürgerlichen Haus mit riesigen Fenstern gefangen, so erscheint das Filmset später als eine Art befreiter Raum, in dem nun plötzlich die Eltern in einem goldenen Käfig angeschwebt kommen. Köstlich ist hier die Szene, in der Mutter und Vater in der Schule gemeinsam über einer mathematischen Sachaufgabe brüten, während ihre Kinder im Nobelwagen durch die Stadt flanieren. Das Ergebnis der Dreharbeiten wird dabei nochmals via Videoprojektion über der Bühne gezeigt und offenbart so gekonnt verschiedene Perspektiven.

Jonas Friedrich Leonhardi und Nina Gummich geben hier ein ebenso entzückendes wie pfiffiges Geschwisterpaar ab, das leibhaftig aus einem von Kästners zahlreichen Kinderbüchern entschlüpft sein könnte. Ihre Eltern führen mehr eine Zweckgemeinschaft, denn eine richtige Ehe. So lässt sich die eitle, selbstgefällige Mutter (Oda Pretzschner) mit dem schmierigen Herrn Bongardt (Matthias Luckey) ein, anstatt den etwas trotteligen Vater und Bankdirektor (Holger Hübner) in die „Harmonie“ zu begleiten. Aber weil Kästners „Klaus im Schrank“ eben ein Märchen, und damit immer auf der Seite der Kinder ist, bereiten Charlie Chaplin (Atef Vogel), ein frecher Hund (Philip Lehmann) und Jackie Coogan (Kilian Land) schließlich das gute Ende vor.

Immer wieder ist das Geschehen auf der Bühne dabei mit Kästner-Gedichten und Zitaten gespickt – wodurch das frühe, aber lang vergessene Theaterstück des Schriftstellers indirekt auch als Urzelle von Kästners Werk inszeniert wird. Denn tatsächlich sind viele Motive aus späteren Schriften Kästners – beispielsweise die vernachlässigten Wohlstandskinder aus „Pünktchen und Anton“ – hier schon angelegt. Um die Szene auch für das kleine Publikum etwas aufzulockern – ein klassisches Weihnachtsmärchen sieht schließlich anders aus – hat man etwas Musik und ein paar Lieder eingefügt, die taktweise ein wenig überdreht scheinen, ihre Wirkung bei den Kindern im Saal jedoch nicht verfehlen.

Am Ende kullern Klaus und Kläre schließlich schlafend aus dem Schrank. Die Eltern sind froh – und es wird ein fast schon kitschig-fröhliches Fest (Foto: PR/David Baltzer) gefeiert, bei dem sogar Schnee auf die Geschenke rieselt. Auch der immerzu liebenswürdige Onkel Altenberg (Jan Maak) bekommt jetzt ein Geschenk und darf nun seine Herzdame, Fräulein Elfriede, zum Walzer auffordern. Und Klaus? Der dreht mit seiner Kamera weiter Filme, die nun wohl vom Glück seiner Familie erzählen. Das ist so rosig dargestellt, dass es fast schon wieder nachdenklich stimmt. Echt Kästner eben.

Hätten die Theaterdirektoren der späten 1920er Jahre nur eine Ahnung von den leuchtenden Augen der kleinen Zuschauer und dem Schlussapplaus im Schauspielhaus gehabt, sie hätten Klaus und dieses „verkehrte Weihnachtsfest“ ganz sicher nicht über 50 Jahre im Schrank schmoren lassen …

„Klaus im Schrank oder Das verkehrte Weihnachtsfest“ am Staatsschauspiel, noch nicht ausverkauft am 10.12., 10.30 Uhr; 11.12., 16 Uhr; 11.01., 15.30 Uhr & 19 Uhr; 02.02., 17 Uhr; 11.02., 10.30 Uhr; 12.02., 10.30 Uhr und 13.04., 19 Uhr

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