Ungezwungene Tragödie

„Jungfrau von Orleans“ am Kleinen Haus

Was hat sie nur an sich, diese Johanna von Orleans, Schillers romantische Tragödie einer französischen Jungfrau, die auf Liebe verzichtete und stattdessen einer göttlichen Stimme folgend gegen die Engländer in den Kampf zog, um ihr Vaterland zu retten? Was macht diese Geschichte so interessant, dass sie bis heute die Theaterbühnen erobert?

Diese Frage bildete den Ausgangspunkt für das Bürgerbühnen-Projekt von 17 Jugendlichen aus Dresden und Umgebung, das nach der „Dreigroschenoper“ als zweite Premiere der Saison die 100. Spielzeit am Dresdner Staatsschauspiel einleitete. Unter der Leitung von Regisseur Marc Prätsch haben die jungen Dresdner Schillers „Jungfrau von Orleans“ auf ihre Weise in eine kunterbunte Inszenierung mit vielen guten Ideen verpackt. Da wird König Karl VII. zum schrulligen Musikliebhaber und Menschenfreund im gelben Gewand und das einfältige Bauernvolk zu ignoranten Kapuzenträgern, die Hauptfigur im silbernen Kampfanzug indes erhält gleich zwei Gesichter – das der heiligen Jungfrau (Sitaya Selbmann) und das einer unerbittlichen Kämpferin (Hanh Tran Thi Mai), der das Ziel ihres Kampfes am Ende zu entwischen droht. Beide fallen durch ihre Andersartigkeit aus der Gesellschaft und treiben das Tragödienspiel – über weite Strecken erstaunlich eng dem Schiller‘schen Text folgend – voran.

Umrahmt von der französischen Erzählung, die hier in Originalsprache vorgetragen wird, besinnt sich das Stück wohlwollend auf den Ursprung der Legende zurück, wird via Videoleinwand (Sami Bill) jedoch gleichzeitig immer wieder ins Heute projiziert. Das ist ein interessanter Schachzug in der Gestaltung, der umso gelungener scheint, als dass die Filmhandlung immer wieder auf der Bühne widergespiegelt und so in die Relevanz des Spiels hineingetragen wird. Beides zusammen verleiht dem Ganzen einen würdigen und sinnvollen Rahmen, in dessen Mitte sich die jungen Schauspieler bekämpfen, vertragen, verbünden, gegeneinander aufhetzen und dabei (teilweise allerdings ein bisschen gequält) an Schillers Text abrackern.

So ist das Spiel um die heilige Jungfrau zwar mit vielen guten und auch witzigen Ideen gespickt, gerät allerdings an einigen Stellen ein wenig zu schrill und stolpert so am Ende doch oft ungeschickt über die Erhabenheit seiner Vorlage. Dabei zeigen die Jugendlichen den erstaunlichen Facettenreichtum der Figuren auf modern-mutige Weise und holen die alte Tragödie mittels witziger Gestaltung in die Theatergegenwart. Die Dramaturgie jedoch verliert dabei hin und wieder den roten Faden und kommt etwas zerklüftet und holprig daher. Ganz abgesehen davon bleibt das Herzblut, die Lust der jungen Leute am Theater durchweg spürbar – und verleiht der Inszenierung eine erfrischende Ungezwungenheit, der man trotz dieser kleinen Mankos gern zuschaut.

„Die Jungfrau von Orleans“ am Kleinen Haus Dresden, wieder am 27.10., 15.11. und am 5.12., je 19.30 Uhr

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